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08. April 2010 - Südafrika - Tina Bucek

Hiesige Medien bringen die Ermordung des rechtsradikalen Burenführers Eugene Terre'Blanche (r.) mit rassistisch motivierten Hetzlgesängen des ANC Youth League Präsidenten Julius Malema (l.) in Verbindung. Dennoch ist Südafrika weit von neuen Rassenunruhen entfernt. Foto: Tina Bucek

Ventersdorp ist ein kleiner Ort im Nord-Westen Südafrikas. Eine Kirche im Zentrum, ein paar Geschäfte um die Ecke, eine Straße, die die beiden Teile des Ortes durchschneidet wie ein Strich. Die beiden Teile sind auf der einen Seite das ,,weiße” Ventersdorp, in dem Einwohner mit vornehmlich heller Hautfarbe und genügend Auskommen in geräumigen Einfamilienhäusern mit umzäunten Vorgärten leben; auf der anderen Seite der ,,schwarze” Teil. Hier leben die, die auch in Apartheidstagen immer schon auf der Schattenseite gelebt haben. Schwarzafrikaner, Farbige, die sich ihre Behausungen aus Wellblech und Plastik zusammenzimmern.

In Südafrika haben sich vor 16 Jahren die Gesetze geändert, die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen dürfen seitdem gleichberechtigt und demokratisch zusammenleben. In Ventersdorp ist diese Entwicklung bis heute nicht angekommen. Insofern unterscheidet es sich wenig von vielen Kleinstädten des Vielvölkerstaates, in denen die Apartheid zwar rechtlich aufgehoben ist, praktisch aber oftmals weiter gelebt wird.

Und doch gibt es einen Unterschied: In Ventersdorp wurde jetzt der Führer der ultrarechten Befreiungsfront der Buren (AWB) brutal ermordert. Jener Befreiungsfront, die sich 1994 vehement für die Beibehaltung der Apartheid, sprich das Unterdrückungsregime der vornehmlich weißen Machthaber ausgesprochen hat. Zwei farbige Arbeiter erschlugen Eugene Terre’Blanche auf seiner Farm im Schlaf. Hintergrund der Tat: Der rechtsradikale Burenführer soll den beiden Gelegenheitsjobbern den Lohn verweigert haben.

Nun wäre dieser Mord unter normalen Umständen zwar tragisch, auch würde er einiges Medienecho nach sich ziehen, nicht aber in dem Ausmaß, in dem das zurzeit der Fall ist, schon gar nicht derartiges internationales Interesse. Aber die Umstände, nun, sie sind nicht normal. In Südafrikas politischen Eliten tobt seit dem Regierungswechsel von Präsident Thabo Mbeki zu Jacob Zuma 2009 ein Machtkampf um die Meinungshoheit in der allmächtigen Regierungspartei African National Congress (ANC), den ein schwacher Präsident nur leidlich unter Kontrolle halten kann. Zuma, mit Korruptionsvorwürfen und Skandale um sein ungezügeltes Sexleben belastet, strauchelt seit Monaten zwischen den Fronten der einzelnen Unterorganisationen des ANC. Die sind ihrerseits damit beschäftigt, durch mediale Profilierung und interne Lobbyarbeit ihre Pfründe zu sichern.

Da wäre das jugendlich ungestüme intellektuelle Leichtgewicht Juluis Malema, Vorsitzender der ANC Jugendorganisation ANCYL, der mit einer Mischung aus Hetzreden, Hassliedern und Populismus die Debatte um Rassenaussöhnung konterkariert. Da wäre eine kommunistische Plattform (SACP) unter einem kalt gestellten Generalsekretär Blade Nzimande, dessen Forderungen nach Anti-Korruptionsmaßnahmen sich immer seltener Gehör verschaffen können. Und da wäre eine Oppostion, allen voran Kapstadts Bürgermeisterin Helen Zilles Demokratische Allianz (DA), deren relativ geringer Anteil an parlamentarischem Einfluss allenfalls hier und da ein paar mediale Akzente setzen kann. Und schließlich die Fußball-Weltmeisterschaft im Juni/Juli, die wie ein Damoklesschwert über dem Land hängt - Fluch und Segen gleichermaßen für all diejenigen, die sich von dem Großereignis eine Steigerung der internationalen Reputation des Landes, gar des gesamten Kontinentes erhoffen.

In dieser aufgeheizten Gemengelage könnte die Ermordung eines hochgradig umstrittenen Befürworters des ehemaligen Unrechtssystems Öl ins Feuer für all diejenigen sein, die die Versprechungen der neuen Machthaber von Aussöhnung und Angleichung der Lebensverhältnisse als nicht eingelöst empfinden, ja sich gar betrogen fühlen. Und einige Medien lassen sich tatsächlich dazu hinreißen, den Fall Terre’Blanche in diese Richtung auszuschlachten.

Dennoch ist diese Analyse so kontraproduktiv wie falsch. Denn obwohl all die angesprochenen Probleme die junge Demokratie am Kap belasten, die Schere zwischen Arm und Reich weit davon entfernt ist, sich zu schließen und immer noch entlang der alten Rassenlinien verläuft; obwohl die Korruption unter den politischen Eliten eine moralische Bewusstseinsbildung erschwert; obwohl rassistisch motivierte Übergriffe immer noch erschreckend oft den Alltag bestimmen: Trotz aller Unterschiede und Spannungen herrscht insgesamt Frieden; der Glaube daran, dass das Erbe eines Nelson Mandela, der Traum von einer friedliebenden und prosperierenden Regenbogennation nicht verraten werden darf. Das gemeinsame Selbstverständnis, das trotz aller Brüche erstaunlich stabil die politischen Krachmacher in Schach hält, mag jung sein, aber es sitzt tief. Und was die Südafrikaner im Moment am wenigstens gebrauchen können, sind sensationshungrige Journalisten und profilierungssüchtige Klaqueure, die neuen Rassenunruhen das Wort reden.

Ja, dieses Land hat eine Debatte nötig, denn 16 Jahre nach dem Neuanfang sind viele Ideale nicht realisiert worden, allen voran der Traum von rassenübergreifender sozialer Gerechtigkeit. Doch diese Diskussion muss moderat und mit Augenmaß geführt werden und unter Einbindung möglichst aller demokratischen Kräfte des Landes. Die Ermordung eines Terre'Blanche ist tragisch, die Ausbrüche eines Julius Malema sind ärgerlich. Sie sind extreme Ausreißer einer immer noch fragilen Versöhnungskultur, aber eben nicht mehr. Die AWB und ihre rechtsradikalen Anhänger sind in den letzten Jahren nahezu in der Bedeutungslosigkeit versunken. Ein Julius Malema hat nichtmal ein politisches Mandat. Und gerade deshalb sind beide Phänomene keinesfalls dazu angetan, die ohne Frage ebenfalls vorhandene gesunde Grundlage für eine solch wichtige Debatte zu zerstören.

Ein junger Mann aus Kamerun, der seit vier Jahren in Kapstadt studiert und im Rahmen seiner Forschungen ein halbes Jahr in Ruanda verbracht hat, brachte es in den letzten Tagen in einer Fernsehumfrage auf den Punkt: ,,Ja, es gibt in Südafrika all diese Probleme. Aber da ist der Wille zur Versöhnung, dieser tiefe Wunsch, es besser zu machen als die Nachbarn. In Kamerun herrscht Lethargie. In Ruanda herrscht Wut und Verletzung. Hier herrscht Friede.”

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