Glauben Sie auch, dass man das Kap der guten Hoffnung nicht bereisen kann ohne kugelsichere Weste?
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21. April 2010 - Südafrika - Tina Bucek

Südafrikaner, die in der Tourismusbranche ihr Geld verdienen, müssen sich zurzeit herbe Kritik gefallen lassen: Sie seien Schuld am horrenden Preisanstieg für Hotels und Verköstigung während der WM-Phase. Ihre Maßlosigkeit und Profitgier mache die Situation für Reisende unzumutbar, schimpfen vor allem ausländische Medien. Erinnert euch an Athen 2004, schallt es den vermeintlichen Übeltätern entgegen: Seit den Olympischen Spielen sei die griechische Metropole ihren Ruf als halsabschneiderische Touristenfalle nicht mehr losgeworden…

Leider haben die Verfasser solcher Nachrichten nicht besonders sorgfältig hingeschaut. Zwar sind deutliche Preisanstiege bei Hotelbetten und Eintritten etwa zu den Nationalparks zu verzeichnen – jedoch nicht, weil regionale Anbieter sich davon besonders lukrative Einkünfte versprechen. Ganz im Gegenteil würden einheimische Lodge- und Bed-and Breakfast-Betreiber nur zu gerne auf die Preisbremse drücken, allein: Die Fifa macht das unmöglich. Denn wer ohne Frage von den überteuerten Tarifen profitiert, ist der Welt-Fußballweltverband - dessen kostspielige Auflagen lassen südafrikanischen Branchenvertretern kaum eine Alternative, wollen sie nicht während des WM-Zeitraums mit leeren Betten dastehen.

Die Fifa also, allen voran Fifa-Präsident Joseph Blatter und dessen Neffe Phillipe Blatter: Dem gehören nicht unwesentliche Anteile der Firma mit dem passenden Namen ,,Match Service”, die seit geraumer Zeit für die WM-Phase Unterkünfte bzw. Pauschalpakete in Südafrika vermarktet. Aktionsradius: weltweit. Besonders pikant: ,,Match” genießt Monopolstatus, den ihr die Fifa großzügigerweise zuerkannt hat (na, na, na, wer wird denn da gleich von Vetternwirtschaft reden…).

Match reservierte schon vor vielen Monaten etwa mehrere Zehntausend Räume im Kruger National Park für potentielle Fans. Zu Bedingungen, die für die Parkbetreiber alles andere als finanziell erfreulich waren. Nachdem jetzt allerdings offenbar wird, dass die erwartete Touristenschwemme wohl ausblieben wird, entschied sich Match kurzfristig, 25 000 dieser Plätze wieder fallen zu lassen – ohne Zahlung einer Kaution oder Rücktrittsgebühr an die Parkbetreiber. 50 Tage vor der WM stehen diese also vor der Aufgabe, 25 000 Räume unter die Leute zu bringen.

Selbiges geschah mit mehr als Zweidritteln der rund zwei Millionen Räume, die Match landesweit bei hiesigen Tourismusunternehmern geordert hatte. Viele Hotels, Gasthäuser und Bed-and-Breakfast-Betreiber hatten sich auf die harschen Bedingungen von Match eingelassen, weil es ihnen die einzigen Möglichkeit erschien, überhaupt etwas vom Weltcup-Kuchen abzubekommen. Jetzt stehen sie da mit Unmengen von unverkauften Angeboten und minimalem Vorlauf, sie doch noch loszuwerden.

Währenddessen gehen hiesige Reiseunternehmer in die Knie ob der völlig überzogenen Gebühren, die sie für Kunden aus dem Ausland an die Fifa abdrücken müssen: 30 000 Dollar für jedes Land, in dem sie ihre Pakete anbieten. Das führt zu der absurden Situation, dass eine Reisegruppe mit zehn Mitgliedern, von der jedes aus einem andern Land stammt, den Veranstalter über eine halbe Million Dollar kostet – Geld, dass er über den Preis an seine Kunden weitergeben muss, um am Ende die Fifa-Mafia zu befriedigen.
Und natürlich können nur die großen Anbieter diese Extrakosten überhaupt schultern. Die kleinerer Unternehmen hingegen stehen im Regen. So viel zum Thema, die Fifa trage dazu bei, die Tourismusbranche in Afrika auszubauen.

Und als wenn das noch nicht genug wäre: Match stellt massive Aufschläge in Rechnung, inklusive 35 Prozent auf World-Cup-Eintrittskarten. Für Unterkünfte, die Touristen über Match gebucht haben, zahlen diese zwischen 50 und 500 Prozent mehr als die üblichen Preise, die zur Hochsaison gelten, und als sie zahlen würden, wenn die direkt bei einem der hiesigen Anbieter gebucht hätten.

Die Frage ist: Kommen diese Informationen bei den so geprellten Touristen an? Zurzeit sieht es nicht so aus. Vielmehr steht die südafrikanische Tourismusbranche am Pranger, die von den aggressiven und erpresserischen Methoden des Fußballverbandes ebenso ausgenommen wird wie der ahnungslose Fußballfan. Was schlimmstenfalls vom Großereignis WM übrigbleiben wird: Grummelnde Afrika-Reisende, die daheim über eine völlig überteuerte und sich selbst überschätzende Nation herziehen.

So oder so: Die Realität sieht anders aus. Der südafrikanische Tourismusminister Marthinus van Schalkwyk hat jetzt ob der Situation eine Umfrage unter hiesigen Tourismusanbietern in Auftrag gegeben. Diese ergab, dass , obwohl einige Hotels und Gasthäuser einen moderaten Preisaufschlag auf ihre Räume einkalkuliert haben (wie immer zu Zeiten hoher Nachfrage), die meisten Angebote in für hiesige Verhältnisse völlig normalem Preisrahmen liegen.

Wer also verkündet diese Botschaft den Besuchern aus aller Welt: Dass sie nicht von Südafrikanern ausgenommen werden, sondern von der Fifa und ihrem Kartell von Profiteuren? Wer sagt ihnen, dass gerade die kleinen und mittelständischen Tourismusunternehmen, die wesentlich für das Wachstum von Südafrikas Wirtschaft sind, dank der von Match praktizierten Gebührenpolitik so gut wie gar nicht von der WM profitieren? Wer erklärt fatalen Folgen der Ausfälle, die gerade diesen Anbietern entstehen, weil Match abertausende Reservierungen schlicht fallen lässt?
Von den Versprechungen Sepp Blatters jedenfalls, mit dem Fifa-Ereignis würde auch der Wohlstand am Kap einkehren, ist nicht viel übriggeblieben. Stattdessen gebärden sich Fifas Funktionäre wie ehemalige Kolonialherren.

Trotzdem: Kommen Sie nach Südafrika! Unterstützen Sie das Ereignis im Juni und Juli, das für die Menschen am Kap mit so viel Hoffnung verbunden ist! Aber boykottieren Sie die Fifa, kaufen Sie Bier von einheimischen Brauern, T-Shirts von einheimischen Textilherstellern und eben nicht das Marketing-Material, von dem nur ausländische Goal-Getter und die Kollaborateure des Fußballverbandes profitieren. Werfen Sie ihr Geld nicht denen in den Rachen, die hier seit Monaten mehr Schaden anrichten als zum Guten wenden. Dann wird die WM vielleicht doch noch ein Erfolg für Afrika.

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