Glauben Sie auch, dass man Mulitfunktionsunterwäsche braucht, um den Kruger National Park zu überleben?
Wenn ja, sind Sie hier richtig. Wenn nicht, auch.

Thema
Afrika-NachrichtenMenschen Politik am KapAlltagFußball-WM 2010 Alle Themen
30. April 2010 - Südafrika - Tina Bucek

53 Staaten eines an Geschichten reichen, wenn auch materiell armen Kontinentes, über die in deutschen Medien leider wenig berichtet wird

Hand aufs Herz: Wann haben Sie den letzten Bericht über Afrika in der Zeitung gelesen? Oder sind über einen solchen im Fernsehen gestolpert? Sie können sich nicht erinnern? Das wundert mich nicht, denn es ist vermutlich seeehhr lange her. Gut, nun treffen sich ausgerechnet das medial populärste Ereignis der Welt – die Fußball-Weltmeisterschaft – und die medial unpopulärste Region der Welt – Afrika -, da verschiebt sich schonmal die Perspektive. Aber seien Sie versichert, sobald der Schlusspfiff des Finales geblasen, die letzten Interviews mit den Siegern im Kasten sind, ist die neue Liebe von Print, Funk und Fernsehen für den kulturell reichsten und materiell ärmsten aller Kontinente vergessen.

Woran liegt das eigentlich, dass sich der Großteil der Medien im Normalfall so gut wie gar nicht für Berichterstattung aus Afrika interessiert? Ein Profi einer etablierten Nachrichtenredaktion würde darauf als erstes antworten ,,weit weg zählt nicht” – und dann die goldenen Regeln der Nachrichtengewichtung auflisten. Räumliche Nähe zum Leser (Afrika: 0 Punkte, sofern sich das Medium in Deutschland befindet), Katastrophenfaktor, wie viele Tote, Verletzte (Afrika: O Punkte, wenn sich nicht gerade ein Völkermord oder eine Hungersnot ereignet), Promifaktor (Afrika: O Punkte, oder kennen Sie eine afrikanische Lagy Gaga oder einen Prinz Charles?), Informationsfaktor (Afrika: O Punkte – wer in der Welt nicht interessiert, über den gibt es auch erstmal nichts an unaufschiebbaren Informationen)… Man könnte diese Liste fortsetzen, aber das ist gar nicht nötig, denn schon an dieser kleinen Zusammenstellung lässt sich ablesen, dass die Kriterien für Nachrichtenbewertung keinesfalls so wissenschaftlich objektiv und unumstößlich sind, wie es einen Redaktionsdinosaurier und Lobbyisten unseres Berufes gemeinhin klarmachen wollen.

Nachrichtenbewertung hängt nämlich immer davon ab, welches Ziel ein Medium in erster Linie verfolgt. Möchte es Leser/Zuschauer gewinnen um jeden Preis (oft auch um den journalistischer Ethik), dann ist das oberste Kriterium für die Nachrichtenauswahl nackte Haut, dann sind wir bei der Bild-Zeitung und bei den Boulevard-Magazinen des Privatfernsehens. Möchte es Leser/Zuschauer gewinnen, dabei aber eine gewisse Seriösität/Nachrichtensicherheit gewährleisten, dann liegen die obersten Kriterien der Nachrichtenauswahl irgendwo zwischen Merkels Koalitionsaussage und Ede Kasupkes Maschendrahtzaun, dann sind wir bei einem Großteil der Regionalzeitungen, -magazine und –Nachrichtensendungen. Möchte es ,,aufklären” im Schiller’schen Sinne, einem erzieherischen Auftrag nachgehen, dann sollte es das heute zunächst mal nicht sagen, denn diese Haltung, egal ob sie von kritischen Frauenmagazinen, kapitalismusskeptischen Tageszeitungen oder antifaschistischen Internetblogs eingenommen wird, ist beim herrschenden Establishment zutiefst unpopulär. Gängelung der Rezipienten wird solchen Vertretern vorgeworfen. Unverbesserliche Idealisten mit Realitätsverlust werden sie genannt, oder gar: Gutmenschen. Dabei findet sich unter den Kriterien für die Nachrichtenauswahl gerade solcher Medien: Afrikaberichterstattung.

Wo wir wieder beim Thema wären. Afrikaberichterstattung existiert also offensichtlich, sogar regelmäßig, allerdings nicht überall, und schon gar nicht überall in der gleichen Weise. Entscheidend ist, was SIE als Leser wollen. Denn solange Sie sich von einem Establishment von Journalisten diktieren lassen, was an Nachrichten auf der ersten Seite Ihrer Tageszeitung erscheint, was an politischen Hintergrundberichten, - analysen, -kommentaren aus welchem Teil der Welt veröffentlicht wird, solange wird Afrika in den Medien immer ein Schattendasein führen. Aber das müssen Sie ja nicht. Sie können ja eine andere Zeitung lesen. Oder ein anderes Programm anschauen. Oder im Internet das nachlesen, was Sie auf Papier oder in der Glotze nicht finden. Dann werden sich auch die Menschen, die die Medien gestalten, ganz schnell nach ihren Vorlieben richten.

Es sei denn, Sie finden im Grunde auch, so ganz tief in Ihrem Innern, dass Sie Berichte von so weit weg eigentlich nicht sonderlich interessieren. Es sei denn, es ereignet sich ein Völkermord. Oder eben eine Fußball-WM. Sollte das tatsächlich der Fall sein, dann liegen die meisten meiner Kollegen mit ihrer Einschätzung offenbar richtig und mich können Sie getrost in die Schublade der Gutmenschen stecken.

Kommentare

Kommentare hinzufügen

Name:

Artikel von besonderem Interesse

© 2010 tinabucek.com