Tina Bucek http://www.tinabucek.com/tinatime/ Tina Time writing about the world 15 Tinas Articles http://www.tinabucek.com/tinatime/images/tinatime.png Tina Bucek http://www.tinabucek.com/tinatime/ en-us Sun, 05 Sep 2010 13:16:57 +0200Afro-Pessimismus war gestern http://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=5Neulich stieß ich auf diese so wunderbare wie todtraurige Reportage meiner Lieblingszeitung. Zwei Kollegen hatten das Grenzland zwischen Zimbabwe und Mozambique durchwandert, ein vollkommen vergessenes, bettelarmes Fleckchen Erde, in das sich nur noch Wilderer und Goldgräber verirren. ,,Wer hier sein Glück sucht, dem ist nicht mehr zu helfen”, sagt einer dieser Gestrandeten, der wie viele seiner Nachbarn seit Jahren in einer Höhle wohnt. Er freute sich so über den Besuch von Fremden, dass er sie spontan zum Bier einlud. Dafür ging sein gesamter Monatslohn drauf. Später, lange nach Sonnenuntergang, fragten die Kollegen den Mann nach seinen Hoffnungen für die Zukunft. ,,Die Fußball-WM”, kam es wie aus der Pistole geschossen. ,,Dann werden Touristen hierherkommen, dann wird hier endlich alles besser.” An diese Geschichte musste ich denken, als ich von den Verkaufszahlen für die Tickets zur WM hörte. Nur ein Bruchteil der Karten sind bisher geordert, weniger als bei jeder anderen Fußball-WM, und DFB-Präsident Zwanziger stimmt das tatsächlich ,,nachdenklich”. Die Deutschen, so die Analyse der Fifa-Experten, seien besonders skeptisch. Und um Gründe sind sie nicht verlegen: Angst vor Kriminalität und zu hohe Reisekosten. Afrika-Kenner Bartholomäus Grill nennt das in einer Analyse für die Zeit ,,Afro-Pessismus” und konstatiert ein ,,falsches Afrikabild. Kaum ein Bürger der Industrienationen kann sich von diesem latenten Unbehagen gegenüber Afrika befreien. Das ist ein großes Problem für den Kontinent. Warum gibt es eigentlich keinen ,Latino-Pessimismus’? Die WM in Brasilien 2014 dürfte für Fans und Teilnehmer kaum sicherer werden, als das Turnier in Südafrika”, so Grill in seinem Kommentar. Brasilien habe ich nie bereist. Dafür war ich am Samstag beim ersten Sportereignis, das jemals im Greenpoint Stadium in Kapstadt stattgefunden hat (hier wird im Juli u.a. auch eines der Halbfinale der WM ausgetragen), und ich bin mir absolut sicher, dass es an diesem Nachmittag keinen sichereren Ort auf der Welt gab als dieses nagelneue 60 000 Plätze fassende Fußballkollosseum. Oder sagen wir es mal anders: Polizei, Feuerwehr, städtischer Ordnungsdienst, Reinigungskräfte – alles, was in Sachen Ordnung und Sicherheit rund um die Metropole am Kap Beine hatte, war in Seapoint vertreten. Bus-Shuttles transportierten Fans problemlos von den Außenbezirken aufs Stadiongelände, Helfer organisierten Verkehr und Parkplätze, die Kontrollen am Eingang: freundlich, aber streng. Alkohol, gefährliche Gegenstände und und und mussten draußen bleiben. Die Begeisterung der Menschen dafür umso größer. Das Tosen der Vuvuzelas, der traditionellen afrikanischen Fantrompete, war kilometerweit zu hören. Und auch vor den Toren des Stadions wurde Hoffnung zelebriert: Jugendliche, die kickten, Familien mit Picknickkörben, Besucher aller Hautfarben und Herren Länder. Die sportliche Bilanz am Ende unspektakulär: Die beiden lokalen Kapstädter Fußballclubs trennten sich null zu null. Auch die Polizei hatte nichts Dramatisches zu vermelden: Ein paar Festnahmen wegen illegalem Haschischbesitz. Diebe hatten sich vor dem Spiel in einem Shoppingcenter bereichert. Keine Verletzten. Keine Toten. Nur die Erinnerung an einen Nachmittag voller Ausgelassenheit. Nein. Ich glaube nicht, dass Horden von Touristen ins Grenzland von Zimbabwe reisen, auch wenn die Landschaft dieser Region überwältigend sein muss und die völlig verarmten Menschen dort es bitter nötig hätten. Aber ich weiß, dass Begeisterung ansteckend ist, gerade die der Südafrikaner, und im Fußball schon gar. Und dass es nicht Krieg und Gewalt waren, die vor 16 Jahren die Apartheid am Kap besiegt haben, sondern die Hoffnung und friedliche Revolution der Menschen in Südafrika. Vielleicht überlegen Sie sich das ja doch nochmal mit dem Ticket. Afro-Pessimismus war gestern. Tue, 26 Jan 2010 12:41:00 +0100http://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=5Doppelback für Anfängerhttp://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=7Ja, ich bestätige jedes Vorurteil: Ich schreibe jeden morgen eine To-Do-Liste, bewahre meine Rechnungen in Aktenordnern auf und ich liebe Brot. Ein Tag ohne Stulle? Da stehe ich lieber gar nicht erst auf. Ich bin so deutsch wie geschätzte 80 Millionen Deutsche, die zwar in jedem halbwegs überschaubaren Dörfchen einen Ableger des Schnellrestaurants mit dem großen M etablieren, aber mit Sicherheit auch eine (dauernd ausverkaufte) eigene Sorte Doppelback. Deutsch-Sein heißt Brot essen. Das muss man wissen, um die folgende Odyssee zu verstehen. Also ich wollte in Kapstadt ein Brot kaufen. Im ersten Versuch landete ich bei einer großen Supermarktkette um die Ecke. Supermarkt, dachte ich, heißt Brot. Kein frisch gebackenes 6-Saaten-Sovital-Brot mit Karottenanteil, aber ein ordentliches, solides Körnerbrot. Nun, ich durchforstete die Regale. Weißes Toastbrot, Sandwich-Toastbrot (weißes Toastbrot in größeren Scheiben), weiße Brötchen, Sandwich-Brötchen (weiße Brötchen, nur oval), Weißbrot, Sandwich-Weißbrot (Weißbrot, nur… Sie wissen schon). Ich versuchte es mit Knäckebrot (wenn in Brotbelangen nichts mehr geht, geht immer noch Knäckebrot). Fehlanzeige. Mein verzweifeltes Stammeln auf der Suche nach der englischen Übersetzung machte die Sache nicht besser, höchstens die Verkäuferin an der Kasse schmunzeln. Spätestens jetzt war klar: Supermarktkette war hier die ganz falsche Idee. Eine Bäckerei musste her. Ich versuchte mein Glück bei einer Passantin. Nein, erklärte die mir, eine Bäckerei gebe es im ganzen Viertel nicht (an dieser Stelle wurde mir flau im Magen). Aber sie habe davon gehört, dass auf der anderen Seite der Stadt irgendjemand eine deutsche Bäckerei aufgemacht haben soll. Und dann biss sie herzhaft in ihr weißes Sandwich. Keine Bäckerei im ganzen Viertel… In meiner Heimatstadt gibt es zwei pro Straßenzug! Um eine lange Geschichte kurz zu machen: Irgendwann, nach Tagen, habe ich besagte deutsche Bäckerei gefunden. Es kostete mich anderthalb Stunde Verkehrschaos. Als ich vor dem kleinen Laden stand, war er geschlossen. ,,Geöffnet nur dienstags und mittwochs von 14 bis 17 Uhr.” Wenigstens richtig war ich hier. So deutsch kann kein südafrikanischer Geschäftsmann sein. Irgendwann, viel später, als es mich zufällig in die Gegend verschlug, habe ich dann auch mal hier ein Kassler gekauft. Es schmeckte gar nicht schlecht. Ein Gutes hat die Sache allerdings. Durch meine Beschwerden über die hiesige Brotignoranz habe ich von meinen südafrikanischen Freunden erfahren, was die Leute hier in Sachen Speisen wirklich drauf haben. Ich glaube, ich habe selten so viel leckeren Fisch gegessen. Und ich habe meine Frühstücksgewohnheiten geändert. Man könnte auch sagen, die Leute hier haben mich vitaminisiert. Zum Start in den Tag gibt es jetzt eine Smoothie aus Joghurt und frischen Früchten. Denn Früchte, die kann keiner besser als die Südafrikaner. Tue, 26 Jan 2010 15:02:00 +0100http://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=750 Morde am Tag, oder: eine sehr persönliche Einlassung zum Thema Kriminalität am Kaphttp://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=8Eine junge Frau auf einer abgelegenen Farm in Grahamstown, Südafrika: Sie lebt allein und trifft eines Nachmittags auf drei Männer, die sich an ihren Ställen zu schaffen machen. Auf ihre Frage, was sie da eigentlich täten, antwortet einer der drei: ,,Es gab einen Unfall in der Nachbarschaft. Wir brauchen ein Telefon, um einen Krankenwagen zu holen.” Die Frau bittet ihn ins Haus. Und wird vergewaltigt und ausgeraubt. Eine Geschichte des ,modernen’ Post-Apartheid-Südafrika, die der südafrikanische Literaturnobelpreisträger J.M.Coetzee in seiner Novelle ,,Schande” erzählt. Obwohl ich selbst mehrere Jahre im südlichen Afrika verbracht habe, ist mir so etwas nie passiert, und doch bestätigen meine hiesigen Freunde, Kollegen, nicht zuletzt die Medien: Das ist der Alltag am Kap. Jeder kennt jemanden, der Opfer von Gewalt geworden ist (,,und nicht den Bruder des Cousins meiner Tante, sondern jemandem in direkter Verwandschaft”, erklärte mir ein Bekannter an einem sehr langen und intensiven Abend). Dass man hier IMMER hinter sich abschließen muss. Dass man in Südafrika niemals niemals niemals mit unverriegelten Autotüren an einer Ampel wartet. Dass kein Kind auf einem Spielplatz ohne Zaun spielt. Dass man eine Straße in den Innenstädten zweimal auscheckt nach möglichen Räubern, bevor man sich entscheidet, in ihr zu spazieren – das ist die eine Seite der Wahrheit, und sie ist nicht zu unterschätzen. Zu dieser Perspektive gehört die unerträgliche Schere zwischen den reichen (zumeist immer noch weißen) Villeninhabern in etwa Kapstadts Luxusviertel Campsbay und den sich von Müll ernährenden abgehängten Blechverschlägenbewohnern im Township Khayelitsha. Dieser Teil der Wirklichkeit ist schwer auszuhalten. Und die Frage, womit man das Privileg verdient, auf der ,richtigen’ (also wohlhabenden) Seite der Erde aufgwachsen zu sein, wird zur erdrückenden Bürde. Am Ende sind da noch die Zahlen. 50 Morde am Tag. Die höchste Quote von Raubdelikten weltweit (und meist zitierte Formel in aktuellen Veröffentlichungen zur Fußball-WM). In keinem anderen demokratischen Land passieren so viele Verbrechen. Wer kann da noch ruhig atmen bei dem Gedanken an eine Reise nach, gar ein Leben am Kap? Und dennoch gibt es die andere Sicht. Die ungeheure Freundlichkeit der Südafrikaner. Dieser Balanceakt des Zusammenlebens der Kulturen, den keine anderes Volk mit vergleichbarer Vergangenheit mit einer solchen Selbstverständlichkeit meistert. Die Selbstironie, mit der Einheimische ihre Situation analysieren. Die übergroße Gastfreundschaft gegenüber Fremden, selbst denen, die die Menschen hier noch vor Jahrzehnten nach bester kolonialer Manier ausgebeutet haben. Die Aufbruchstimmung, die Kreativität, die Lernfähigkeit einer ganzen Nation. Ja , es ist einfach, die Defizite dieser jungen Demokratie nach europäischer Manier (man könnte auch sagen Arroganz) aufzulisten. Der Wahrheit näher kommt man damit nicht. Coetzees ,,Schande” schließt nicht mit einem Happy End, sie gibt eine pragmatische Antwort. Die junge Frau auf der Farm – natürlich ist sie ,weiß' - entscheidet sich, das Kind ihres Vergewaltigers (ein verstörter Teenager von 15 Jahren, und natürlich ist er farbig) auszutragen und dessen Onkel, der sie jahrelang unterstützt hat, zu heiraten. Das Farmland, das nach der Landreform eigentlich komplett besagtem Onkel zufallen würde, wird geteilt. Und gelebt? Gelebt wird zusammen. Eine Lektion, die wir in Europa erst noch lernen müssen, bevor wir 50 Morde am Tag ins Feld führen. Tue, 26 Jan 2010 19:02:00 +0100http://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=8Schreiben Sie, was Sie wollen, nur nicht…http://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=10Berichterstattung von der WM am Kap? Gerne, gerne, solange der Tafelberg abgebildet wird, die unvergleichliche Küstenlandschaft, zudem der Sonnenuntergang, und natürlich die überwältigende Begeisterung der Fans. So möchte es die Fifa, Fußballweltverband, und nur so. Dass die Wirklichkeit in Südafrika eine andere ist, eine der sozialen Widersprüche, eine der üblen Hinterlassenschaften der Apartheid, schön und gut. Aber weltweit übertragen werden soll das bitte nicht. Das sagen jedenfalls die Bedingungen, die jetzt für die Akkreditierung von Journalisten zur WM gelten sollen. Die Auflagen der Fifa sind streng: Keine Berichterstattung jenseits der Spiele, schon gar nicht über Themen rund um Rassismus. Kein Verkauf von Zeitungen im Umkreis von 800 Metern rund um die Stadien. Der südafrikanische Journalistenverband läuft bereits Sturm. ,,Das ist ein Verstoß gegen die Pressefreiheit”, sagte ein Sprecher der südafrikanischen Wochenzeitung Mail&Guardian. Pamela Stein, die den hiesigen Journalistenverband rechtlich vertritt, erklärte ebenda, sie sei ,,sehr betroffen” über die Auflagen. ,,So etwas darf es in einer Demokratie nicht geben”, so Stein. Die Pressefreiheit sei in Gefahr. Fifa-Sprecher Pekka Odriozola betonte hingegen gegenüber dem Mail&Guardian: ,,Die Pressefreiheit ist garantiert. Das ist sehr wichtig für uns. Journalisten sollen über die WM unter besten Bedingungen berichten können.” Tue, 26 Jan 2010 21:52:00 +0100http://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=10Ssssch….politik: Die Menschen in den Capeflats brauchen geschlossene Klos, sagt der ANC – die wollen die aber gar nicht http://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=11Menschen sollen in Würde ihre Notdurft verrichten können – dagegen ist nichts einzuwenden, das muss man als Humanist unterschreiben. Das weiß auch der African National Congress (ANC), Südafrikas Regierungspartei seit 16 Jahren. Und so forderten Vertreter der ANC Youth League jüngst lautstark auf der ersten Seite einer nationalen Tageszeitung, die Klosituation in den Capeflats, dem größten Township vor den Toren Kapstadts, müsste sofort verbessert, alle Toiletten geschlossen, sprich mit einer Ummantelung versehen werden. Ja klar, denkt der Leser, absolut sinnvolle Forderung, denn er weiß eines an dieser Stelle noch nicht. Die Bewohner der Capeflats haben mit den kommunalen Organen ausgehandelt, welche baulichen Maßnahmen für sie Priorität haben. Wer in Blechverschlägen z.T. ohne Strom- und Wasserversorgung wohnt, für den hat möglicherweise ein Schuppen für ein Klo nicht die höchste Priorität – so sahen es auch die Bewohner. Am Ende der Verhandlungen stand das Ergebnis: Nutzen wir die vorhandenen öffentlichen Mittel lieber dafür, mehr Toiletten im Freien zu bauen und die schlimmsten Mängel in der Strom- bzw. Wasserversorgung zu beheben. Die Schuppen bauen dann die Bewohner selbst – wenn sie Geld übrig haben. Mit dieser Lösung waren alle Beteiligten einverstanden. Bis der ANC auf der Bildfläche erschien. Nun gibt es einen zweiten wesentlichen Faktor, den man kennen muss, wenn man die eigentlichen Absichten dieses ,humanistischen’ Vorstoßes verstehen will. Die Kapregion ist die einzige Provinz, in der der ANC nicht die Mehrheit der Regierung stellt. Hier regiert die politische Opposition, sprich die Demokratische Allianz (DA). Und natürlich versäumt es der ANC-Vertreter nicht, in seiner öffentlichen Klostellungnahme lautstark darauf hinzuweisen, dass die regierenden Kräfte in Sachen Toilettenwürde völlig versagt hätten. Was die Menschen in den Capeflats eigentlich davon haben? Gar nichts. Denn inzwischen hatten viele Bewohner sich selbst Toilettenverschläge gezimmert. Als die DA sich dem öffentlichen Druck beugte und Mittel für Schuppen für alle zusammenkratzte, da sorgte das im Township für ein Riesentheater. Der Frieden der Community sei gefährdet, wenn jetzt einige Bewohner umsonst einen Schuppen erhielten, für den andere ihr letztes Erspartes ausgegeben hätten. Die neuen Schuppen wolle man nicht. (Das übrigens berichtete besagte Tageszeitung erst am nächsten Tag auf einer der hinteren Seiten.) Wie sehr diese Debatte der politischen Profilierung einiger weniger dient und überhaupt nicht denen, die sie eigentlich zum Thema hat, das erinnert mich schon sehr an deutsche Gepflogenheiten. So weit weg von Zuhause ist man offenbar selbst am Weltende nicht, als dass man politische Unkultur hinter sich lassen könnte. Wed, 27 Jan 2010 09:09:00 +0100http://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=11,,Die schaffen das am Kap!” http://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=12Herr Tittelbach, sie waren in den letzten Monaten mehrfach in Südafrika. In welcher Mission? Tittelbach: Na Urlaub war das nicht, obwohl Südafrika ein fantastisches Reiseland ist. Die Oberbürgermeister der deutschen Austragungsorte der WM 2006 haben im Rahmen des Deutschen Städtetages eine Partnerschaft mit den südafrikanischen Kommunen ins Leben gerufen, die in 2010 dieses Ereignis organisieren werden. Ziel ist es, dass die Kollegen am Kap von den Erfahrungen profitieren können, die wir bei der Fußball-WM 2006 im eigenen Land gemacht haben. Beteiligt an dem Beratungsprogramm, das von der deutschen Firma Inwent im Auftrag der Bundesregierung organisiert wird, sind alle Fachsparten, die an der Durchführung der WM beteiligt waren, wie z.B. Planer für Stadien, Verkehrsplaner, Lebensmittelkontrolleure, Ordnungsämter, die Feuerwehren sowie Rettungsdienste. Ich habe in Johannesburg, Durban und in der Kapregion an diversen Workshops teilgenommen und mit meinen südafrikanischen Kollegen an verschiedenen Themen u.a. zur Sicherheit von Stadien, zum Public Viewing gearbeitet. Was waren die Knackpunkte? Südafrika ist nicht Deutschland. Das Land ist dreimal so groß wie die Bundesrepublik, hat aber nur halb so viele Einwohner. Die Feuerwehren gerade in den kleineren Kommunen arbeiten mit deutlich kleinerer Besetzung. Da muss man sich anders auf große Menschenansammlungen vorbereiten. In unseren Gesprächen ging es oft darum, wie man die Kräfte koordinieren kann, wer in welchem Fall wann wo eingeschaltet wird, wie man sich vernetzt. Ich muss sagen: In Sachen Bürokratie steht Südafrika Deutschland in nichts nach. (lacht) Können Sie ein konkretes Beispiel nennen? Wir haben Szenarien durchgespielt. Was passiert etwa im Falle eines Terroranschlages, was, wenn in einem Stadion eine Panik ausbricht. Wir haben Listen mit Ansprechpartnern erstellt, aber auch ganz praktische Tipps gegeben, etwa, dass gläserne Trinkgefäße bei Public-Viewing-Ereignissen zu herben Verletzungen führen können, die beteiligten Kollegen der Lebensmittelaufsicht gaben praktische Beispiele, dass z.B. Speisen nicht neben den Latrinen zubereitet werden dürfen – ich denke, da haben wir vielen Kollegen die Augen öffnen können. Viele Fans haben Angst vor der hohen Kriminalitätsrate: In Südafrika passieren immer noch täglich 50 Morde. Wie schätzen Sie die Gefahr ein? Ich würde nicht nachts allein in ein Township fahren. Ich würde auch nicht offensiv mit Schmuck, Kamera und Laptop behängt über Tag in einem Township herumspazieren. Ja, die Kriminalität ist ein Problem, aber die Südafrikaner arbeiten massiv daran, und wenn man sich an die üblichen Regeln hält, dann kann man die Gefahr minimieren. Das gilt auch für andere Regionen in der Welt. Auch in den USA und sogar in europäischen Städten gibt es No-Go-Areas. Sind die Feuerwehren am Kap denn auf dem neuesten Stand? Die Kollegen sind total fit. Und technisch bestens ausgestattet. Sicher, manche Dinge laufen anders. In einem Krankentransporter dürfen zwei Verletzte transportiert werden, und den Sanitätern ist es erlaubt Tropfinfusionen zu legen und Medikamente zu verabreichen. Aber das funktioniert. Was ich in Südafrika erlebt habe, ist hohe Profesionalität. Die wissen, worauf es ankommt. Die haben begriffen, dass sie das schaffen können, wenn sie gut planen und nicht alles einfach auf sich zukommen lassen und auf ein Wunder warten. Aber ein bisschen Glück gehört auch dazu, oder? Sicher. So war es ja in Gelsenkirchen auch. Wir hatten ja an Spieltagen zum Teil 200 000 Menschen mehr in der Stadt, als sonst. Das war schon ein Kraftakt. Natürlich waren wir gut vorbereitet. Aber passieren kann immer etwas. Einmal dachten wir, es käme zum Schlimmsten, es würde ein Virus unter den Fans ausbrechen, dabei hatten sich nur ein paar Unvorsichtige den Magen an mitgebrachtem schlechtem Fleisch verdorben. Stellen Sie sich die Schlagzeile mal vor, wenn es anders gewesen wäre… Die Fußball-WM war in Gelsenkirchen ein rauschendes Fest: Kriegen die Südafrikaner das auch hin? Tittelbach: Afrika ist nicht Europa, das muss man wissen, wenn man sich auf das Ereignis einlässt. Aber die Begeisterung der Menschen für Fußball ist riesig, überhaupt ihre Lebensfreude. Ich habe am Kap so viel Gastfreundschaft und Herzlichkeit erfahren, die Südafrikaner sind ein unheimlich freundliches Volk. Und was die logistische Seite angeht: Die Stadien sind fertig und in einem fantastischen Zustand, das Land ist gut vorbereitet. Ich bin absolut optimistisch: Die schaffen das da unten! Wed, 27 Jan 2010 12:04:00 +0100http://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=12Zimbabwes unbelehrbarer Despot http://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=20Es wurde unter Schmerzen geboren: das Baby einer gemeinsamen Regierung, bestehend aus Dikator Robert Mugabes Machtapparat Zimbabwe African National Union – Patriotic Front (Zanu-PF) und der jungen Oppositionsbewegung Movement for Democratic Change (MDC) des Gewerkschaftsführers Morgan Tsvangirai. Es brauchte fast ein Jahr, bis es das Auge der Welt erblickte, im Februar 2009 wurde Tsvangirai feierlich als Regierungschef vereidigt. Ein weiteres Jahr danach scheint es weit davon entfernt, laufen zu lernen und dem heruntergewirtschafteten Land neuen Mut einzuflößen. Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass der für seine Grausamkeiten bekannte und inzwischen 85-jährige Mugabe gar nicht daran denkt, von der politischen Bühne abzutreten. Offensichtlich war dies schon im Prozess der Regierungsbildung, der alles andere als reibungslos verlief. Die Parlamentswahlen von März 2008 im Rücken, bei denen die MDC zum ersten Mal seit der Unabhängigkeit des Landes 1980 die Mehrheit Mugabes gebrochen hatte, kämpfte ein angeschlagener Despot verbissen um seine Pfründe. Dazu gehörte die Verfolgung und Verhaftung, Folterung und Tötung Tausender Oppositioneller. Dazu gehörte ein alles andere als fairer Kompromiss, ausgehandelt unter zweifelhaftem Engagement der Staatengemeinschaft des südlichen Afrika (SADC), der aus einer Machtteilung und einer ,,Regierung der nationalen Einheit” bestand. 15 Ministerposten sollten Tsvangirai und seiner MDC zugeschlagen werden. Was Mugabe freilich sicherstellte: Militär und Geheimdienst, seine wichtigsten Instrumente zur Einschüchterung von Regimegegnern, blieben ihm unterstellt. Das fast ebenso bedeutsame Innenministerium, das die Polizei kontrolliert, wird gemeinsam verwaltet. Und: Für Tsvangirai wurde zwar ein neues Amt geschaffen, nämlich das des Regierungschefs. Dessen Handlungsspielräume sind aber eingeschränkt. Kritische Stimmen auch aus den eigenen Reihen warfen Tsvangirai damals vor, nicht standhaft geblieben zu sein, sich stattdessen auf einen Kuhhandel eingelassen zu haben, bei dem Mugabe doch wieder am längeren Hebel sitzt. Im Februar 2010, nach einem Jahr Zwangsehe dieser so unterschiedlichen Partner, scheint sich dieser Vorwurf zu bestätigen. Denn obwohl eine der ersten Amtshandlungen der neuen (und alten) Machthaber war, die hochinflationäre Währung des Landes durch die Einführung von US-Dollar und südafrikanischem Rand zu ersetzen (was immerhin die Grundversorgung mit Treibstoff und einige Grundnahrungsmitteln sicherstellte), steuert die Bevölkerung Zimbabwes in diesem Jahr wieder auf eine Hungersnot zu. Die Vereinten Nationen schätzen, dass 1,9 Millionen Menschen (15 Prozent der Gesamtbevölkerung) auf Lebensmittel von außen angewiesen sein werden. Die Arbeitslosenquote Zimbabwes liegt bei 94 Prozent. Der Agrarminister – ehemals von Mugabe verfolgter Oppositioneller – ist, wie auch andere von der MDC gestellte Kabinettsmitglieder, nach einem Jahr immer noch nicht vereidigt. Und führende Regimegegner sitzen nach wie vor in Zimbabwes Gefängnissen, obwohl es zur Bedingung Tsvangirais vor einem Jahr gehörte, dass Mugabe diese begnadigt. Immerhin: die Tatsache, dass es nunmehr einen Ansprechpartner im ehemals durch und durch korrupten und verfilzten Mugabe-System gibt, lässt die Staatengemeinschaft in Europa, aber auch die USA darüber nachdenken, die strikten Sanktionen gegen Zimbabwe zu lockern. Und es setzt innerafrikanische Kräfte frei: Erst gestern kehrte eine südafrikanische Delegation aus Zimbabwe zurück mit der Botschaft, führende Köpfe der MDC wollten so schnell wie möglich Neuwahlen herbeiführen und Südafrika werde diese in ihrem Bemühen unterstützen. Das wäre freilich eine große Chance und auch ein Paradigmenwechsel. Denn bisher haben die alten Genossen der Freiheitsbewegung auch in den umliegenden Staaten immer streng zu ,,Comrad Robert” gehalten, was Analysten für einen der Hauptgründe halten, warum das System Mugabe nicht längst in sich zusammengefallen ist. Zu wünschen wäre eine solche Entwicklung vor allem den Menschen in Zimbabwe. Denn diese sind durch die Willkür eines unbelehrbaren Despoten wahrlich genug gequält worden. Tue, 09 Feb 2010 16:31:00 +0100http://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=20Wohnzimmer an Fans zu vermieten http://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=13Geschätzte 500 000 Besucher erwartet Südafrika zur Fußball-WM im Juni und Juli (und wenn man den jüngsten Lobeshymnen auf den momentanen Stand des Ticketvorverkaufes von WM-Koordinator Danny Jordan Glauben schenken darf, dann werden es wohl tatsächlich so viele). Menschen, die Betten brauchen, etwas zu essen , ein Dach über dem Kopf. Das weiß nicht nur die Fifa, die schonmal vorsorglich in den Gasthäusern und Hotels etwa in Kapstadts Außenbezirken mehrere Tausend Betten für Fans reserviert hat. Das weiß eigentlich auch jeder, der den täglichen Megahipe des Ereignisses in den hiesigen Medien verfolgt. Die WM ist zum Erfolg verdammt, so viel steht fest, schon gar dazu, Wohlstand, Gesundheit und Weltfrieden für jeden einzelnen Südafrikaner zu bringen. Dass jeder etwas vom Kuchen (der freilich noch gar nicht auf dem Tisch steht) abhaben wird, darüber besteht kein Zweifel am Kap der guten Hoffnung. Und so laufen normale Partygespräche in Kapstadt zurzeit ungefähr so ab: ,,Was machst Du eigentlich in den vier Wochen?” - ,,Ich hab mich schon bei meiner Schwiegermutter einquartiert. Wäre ich ja schön blöd, wenn ich mein Appartment in der Innenstadt nicht vermieten würde bei den Preisen, die momentan gehandelt werden.” - ,,Wie, du willst irgendwelche fremden Fans in Deinem Wohnzimmer campieren lassen?” - ,,Hast du’s noch nicht mitgekriegt? Die Zahlen mir das Fünffache von dem, was ich an Miete abdrücke…” Ein befreundetes Pärchen wird einen Monat lang in seinem VW-Bus auf dem Parkplatz wohnen – mit ebendiesem Argument. Ein Kollege zieht in sein Büro. Ich finde das alles etwas übertrieben, aber das mag deutsches Phlegma sein. Jedenfalls fand ich heute morgen in den ,,Cape Times” folgende Schlagzeile. ,,Gasthaus-Besitzer rund um Kapstadt schieben WM-Blues – bisher weniger Buchungen als erwartet”. Und auch die Fifa rudert mit ihren Reservierungen offensichtlich wieder zurück. Gestern sagte ein Sprecher im hiesigen Fernsehen, man habe es den Gasthausbesitzern freigestellt, einen Gutteil der reservierten Räume selbst zu vermarkten. Was ich in den vier Wochen Ausnahmezustand in Kapstadt machen werde? Von meinem Balkon aufs nagelneue Stadion (500 Meter Luftlinie) gucken. Und von meinem Wohnzimmerfenster aufs Meer (20 Meter Luftlinie). Und ganz sicher nicht im Auto wohnen. Thu, 28 Jan 2010 10:43:00 +0100http://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=13Shawn (21) verkörpert das moderne Südafrika, obwohl das Politiker am Kap nicht gerne hörenhttp://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=14Wie fühlt es sich an, jeden Abend Champagner für 300 Euro die Flasche zu servieren und selbst im Monat nichtmal die Hälfte davon zu verdienen? Shawn bewegt sich im ,,La Perla”, als stehe er über dieser Frage. Ausgesucht freundlich führt er die Besucher zu ihren Tischen – natürlich mit Meerblick. ,,Guten Abend, meine Name ist Shawn, ich werde für heute Abend ihr Kellner sein, bitte scheuen Sie sich nicht, mich in Anspruch zu nehmen, wenn sie Wünsche oder Beschwerden haben.” Das alteingesessene Restaurant an Kapstadts Vorzeigepromenade im Stadtteil Seapoint weiß: Auf guten Service kommt es im Konkurrenzkampf um Touristen und die wohlhabende anspruchsvolle Oberschicht an. Und Shawn, nun Shawn garantiert guten Service. Dabei sind Etikette ihm nicht in die Wiege gelegt worden. Shawn wurde geboren auf einer Farm im Nachbarland Zimbabwe, einstmals Kornkammer des südlichen Afrika und hoffnungsvoller Aufsteiger unter Afrikas wenigen Demokratien. Doch schon bald musste der Junge aus einem kleinen Dorf in der Nähe der Hauptstadt Harare erfahren, dass Wahlfreiheit relativ ist, solange nur eine Partei auf dem Wahlzettel steht, und Reichtum Privileg derer, die zur richtigen Zeit am richtigen Ort geboren sind. Robert Mugabe? Nach Zimbabwes Diktator gefragt, der die einstmals blühenden Landschaften seiner Heimat in den letzten Jahren systematisch zugrunde gerichtet hat, schüttelt Shawn den Kopf. ,,Wir haben jedes Jahr gebetet, dass die Ernte nicht verdirbt. Und selbst, wenn sie nicht verdorben war. Sie reichte immer seltener für die hungrigen Menschen.” Der Herr an Tisch sieben wedelt ungeduldig mit den Händen. ,,Ich hatte ein Gezapftes bestellt, das hier ist Flaschenbier!”, beschwert der Gast sich lautstark. Er trägt Shorts, Tennissocken und Joggingshuhe. ,,Entschuldigen Sie, Sir, ich werde Ihnen sofort das gewünschte Getränk bringen.” Shawn trägt einen schwarzen Anzug. Dennoch: Wer in diesem System wer ist, darüber kann auch keine Kleiderordnung hinwegtäuschen. Als der Querulant befriedigt ist, hat Shawn noch einen Moment für das Ende der Geschichte. ,,Ich bin mit 15 Jahren aus Zimbabwe geflüchtet.” Seine Familie, seine Freunde? ,,Ich weiß nicht, ob sie noch leben. Ich habe seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihnen.” Hundertausende Flüchtlinge aus nahezu allen 53 Staaten des Kontinents leben zurzeit in Südafrika, viele von ihnen illegal. Im Jahr 2008 kam es in Johannesburg mehrfach zu rassistisch motivierten Gewalttaten vor allem gegen Flüchtlinge aus Zimbabwe. Die Schlagzeile ,,Xenophobia (Fremdenhass, Anm. d. A.) in South Africa” diktierte Medien im In- und Ausland. ,,Ja”, bestätigt Shawn, ,,Spannungen gibt es.” Und dann verschwindet er wieder im Innern des Etablissements, das mit zunehmender Dunkelheit immer belebter wird. Der Ozean rollt gegen den Pier, inzwischen ist die Strandbeleuchtung eingeschaltet. Nach einer Weile kommt Shawn doch nochmal zurück und beantwortet die Frage nach seinem Verdienst. ,,Ich lebe hauptsächlich von den Trinkgeldern. Wenn es gut läuft, komme ich auf 3500 Rand (300 Euro, Anm. d. A.) im Monat.” Er habe keinen Grund sich zu beschweren, ,,das ist mehr als die meisten in meinem Township.” Denn dort lebt er, wenn er nicht im La Perla Champagner ausschenkt, in einer Baracke in Philippi, einem der ärmsten Viertel Kapstadts. Eine Stunde dauert die Anfahrt nach Seapoint jeden morgen, und eine Stunde die Rückfahrt nach Mitternacht, und der Transport ist teuer. ,,Aber wir haben hier einen Mitarbeiterservice." Shawn setzt sein Kellnerlächeln auf. ,,Wir haben es besser, als die meisten unserer Nachbarn” Fri, 29 Jan 2010 12:09:00 +0100http://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=14Hafen der Hautfarben http://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=15Es ist windig, es ist laut, und wer eine empfindliche Nase hat, der sollte an diesem Samstag tunlichst einen anderen Ort für einen Ausflug wählen. Wer allerdings das Südafrika der Vielfalt sucht und die Hoffnung auf ein unverkrampftes Zusammenleben der Kulturen (in diesem Land versteht man besser ,,Hautfarben”) im ehemaligen Apartheids-Staat noch nicht aufgegeben hat, der ist hier goldrichtig. Im Hafen von Kalkbay herrscht buntes Treiben. Diese Formulierung kann man abgedroschen finden. Man kann sich aber auch in diesen von der Fischerei geprägten Stadtteil Kapstadts begeben, um festzustellen: ,,Buntes Treiben” trifft es punktgenau. John hat seine Angel ausgeworfen. Das Meer bewegt sich heute ungeduldig, was bedeutet, das John ganz das Gegenteil sein muss. Mit bedächtigen Handgriffen steckt er den Köder auf den Haken. ,,Stress ist Gift”, sagt er. Warum seine Frau und die beiden vierjährigen Zwillingstöchter vermutlich ein Picknick vorbereiten nicht in direkter Nachbarschaft, sondern im Auto gegenüber. Das ist freilich auch auf dem Steg geparkt. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Das gilt auch für Martin und seinen Bruder Phillip, die sich gleich neben John den Platz auf dem Pier gesichert haben. Sie warten bereits seit drei Stunden auf einen dicken Fisch. Und das könnte in Kapstadts Meeresfrüchtenahversorgungscenter Nummer Eins so ziemlich alles sein: Forelle, Hecht, Thunfisch, aber auch Tintenfisch oder Garnelen. Alles besser als nichts. ,,Bisher war noch nicht so viel los”, sagt Phillip. Sein Eimer: leer. Aber das kenne er schon. ,,Wenn es hier ruhiger wird, beißen sie besser.” Ruhiger wird es aber noch lange nicht. Denn neben John, der jedes Wochenende aus Fishhoek, dem Viertel der ,,Coloured-People” (Farbigen, Anm. d. A.) angefahren kommt, und Martin und Phillip, die um die Ecke im Township wohnen, bevölkern auch noch andere Menschen unterschiedlichster Colour den Steg. Zwei ältere Damen nutzen die warme Abendsonne für einen Spaziergang und ein sehr intensivens Geplauder im britischstem aller britischen Akzente. Ein Minibus spült spanische Jugendliche an den Strand, die schon sehr bald im Firstclass-Seafood-Restaurant am Hafenausgang verschwinden. Im Schatten der Fischerboote, die langsam ihre Netze einrollen, nehmen geschulte Hände Unmengen von Fischleibern aus. Sie unterhalten sich in einer Sprache, die für das westliche Ohr ungewohnt klingt. Was der Fremde trotzdem hört: Man kennt sich hier. Man vertraut sich. Man weiß, was man tut. Nach dem Gesetz sind am Kap alle gleich: Südafrikas Verfassung ist eine der modernsten der Welt. Doch die Realität in der jungen Demokratie ist von Gegensätzen geprägt, die über ein halbes Jahrhundert brutale Rassentrennung der Gesellschaft eingeschrieben haben. Kneipen, in die Menschen mit dunkler Hautfarbe, nicht reingelassen werden, gibt es nicht mehr. Kneipen, in die Menschen mit dunkler Hautfarbe nicht gehen, weil sie es sich nicht leisten können, hingegen an jeder Ecke vor allem in den Nobelvierteln von Johannesburg und Kapstadt. Schwarze Wahrheit, weiße Wahrheit: Zweidrittel der (farbigen bzw. scharzen) Bevölkerung wohnt in Baracken, trinkt ihr Bier in den Shebeens (Trinkhallen, Anm. d. A.) der Townships, in die die (immer noch vornehmlich weiße) kleine Oberschicht sich niemals verirren würde. Phillip und John machen ein Pause und holen sich beim Imbiss gegenüber Fish&Chips. Preiswert ist das, und gut, so dass es sich lohnt, einen Teil des kleinen Monatseinkommens für eine Mahlzeit außer Haus auszugeben. Sie langen zu von Papier und mit den Fingern. Auch die beiden englischen Ladies nehmen Platz an den schlichten Holztischen. Im Hafen von Kalkbay isst man zusammen. Vielleicht, weil der Fisch so gut ist. Vielleicht aber auch, weil es funktioniert. Sat, 30 Jan 2010 19:05:00 +0100http://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=15Bafana, Bafana mit Bier aus den Staaten http://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=18Bier und Fußball gehören zusammen wie Brot und Wein. Das weiß auch die Fifa, das wissen auch alle halbwegs cleveren Bierhersteller weltweit. Und so ist das Gerangel darum, wer bei einem Großereignis wie etwa einer Weltmeisterschaft den Zuschlag als Hauptsponsor bekommt, groß. Was am Ende den Ausschlag gibt? Offensichtlich nicht die naheliegendste und gerade für ein Land wie Südafrika nachhaltigste Lösung, sprich lokalen Labeln und Unternehmen den Vorzug zu geben. Zur WM in Deutschland vor vier Jahren war der Hauptsponsor in Sachen Bier der amerikanische Biergigant Budweiser. Das führte zu der absurden Situation etwa im Ruhrgebiet, dass ansässige, regional typische und identitätsstiftende Brauereien ihr Bier in den Stadien nicht ausschenken durften, stattdessen die Fans das zweifelhafte Vergnügen hatten, das erste Mal in ihrem Leben in den Genuss von amerikanischem Gerstensaft zu kommen. Den Südafrikanern wird es wohl in diesem Jahr nicht besser gehen. Budweiser, drittgrößter Braukonzern der Welt und offizieller Bier-Sponsor der WM seit 1986, soll auch am Kap die Bierhoheit inne haben. Doch das ist offenbar gar nicht so einfach: Erst kürzlich überraschten hiesige Medien mit der Nachricht, Budweiser könne möglicherweise den Bedarf an Getränken in den Stadien nicht decken. Sofort bot sich ein nationaler Bierkonzern an, einzuspringen und als Co-Sponsor ins Boot zu kommen. Auf diesen Vorschlag reagierte die Fifa freilich verschnupft (sah sie doch ihre millionenschweren Verabredungen mit dem Hauptsponsor in Gefahr). Budweiser sei zunächst gehalten, seine Verpflichtungen einzuhalten und die Versorgung zu gewährleisten. Rein statistisch gesehen trinkt jeder Stadiongast durchschnittlich mindestens einen halben Liter Gerstensaft, gleich ob mit oder ohne Alkohol. Wie die Bierdebatte ausgehen wird, steht jedenfalls noch in den Sternen, und offensichtlich auch, ob der Durst der südafrikanischen Fans inklusive 500 000 eingeflogene Fußballjunkies gelöscht werden kann. In Deutschland hat zur WM 2006 am Ende übrigens doch noch ein deutscher Bierbrauer einen Fuß in die Stadiontür gekriegt: Das Familienunternehmen Bitburger aus der Eifel bot dem Biergiganten aus USA Budweiser und der Fifa die Stirn: Es klagte, weil der Werbespruch des amerikanischen Konkurrenten dem eigenen zu ähnlich war. Mit Erfolg. Am Ende einigten sich beide darauf, dass Budweiser auf den Spielfeldbanden der zwölf Stadien mit seinem Spruch werden darf, dafür Bitburger 30 Prozent des Bierausschanks in den Stadien zugeschlagen bekommt. Thu, 04 Feb 2010 13:12:00 +0100http://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=18,,Es ist meine Pflicht, dem Wunsch einer Frau nach Befriedigung nachzukommen!”http://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=17Vorab ein paar Fakten, die es erleichtern, die folgende Soap-Opera in Persepektive zu setzen: Südafrika ist eines der Länder mit den meisten HIV-Infizierten der Welt. Die Quote liegt bei um die 50 Prozent. Aufklärungskampagnen inklusive kostenlose Verteilung von Kondomen haben daran in den letzten Jahren wenig geändert, und auch Non-Government-Organisations (NGOs) etwa aus Europa haben trotz z.T. massiven personellen und finanziellen Aufwandes keine einschneidenden Erfolge erzielt. Um so zynischer scheint vor dieser Folie folgende Geschichte: Jacob Zuma, ranghoher Politiker der Regierungspartei ANC (African National Congress) und mit diversen einflussreichen Ämtern versehen, vergewaltigt seine HIV-positive Haushälterin ungeschützt. Als die Justiz auf den Skandal aufmerksam wird, Zuma schließlich anklagt, rechtfertigt der sich: ,,Es ist meine Pflicht, dem Wunsch einer Frau nach Befriedigung nachzukommen.” Auf die Frage, wie es denn mit seiner Einstellung zum Thema AIDS stünde, antwortete Zuma: ,,Ich habe mich nach dem Akt unter der Dusche gründlich gewaschen.” Das Ergebnis dieses Ereignisses: Die Anklage wurde nach zahlreichen politischen Scharmützeln fallengelassen und Jacob Zuma zum Präsidenten von Südafrika gewåhlt. Das ist freilich eine Weile her, und man könnte es als kalten Kaffee abhaken (wie man denn Affären von beliebten Politikern in Europa gerne mit der Zeit vergisst), wenn man denn alles in allem den Eindruck hätte, der Präsident wachse mit seinem Amt. Gewachsen ist seit Zumas Amtsantritt jedenfalls eines: Die Zahl seiner Ehefrauen. Erst vor wenigen Monaten heiratete er Gattin Nummer fünf, und auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos nach seinem polygamen Leben befragt, erwiderte Zuma so nonchalant wie selbstbewusst: ,,Das ist eben meine Kultur!” Zu dieser Kultur gehört auch, dass natürlich alle Ehefrauen zu Staatsbesuchen und anderen politischen Reisen mitgenommen werden (und ganz nebenbei auch die Kosten für teure Suiten, Luxuslimousinen und persönliche Reiseführer, wie eine hiesige Zeitung jüngst berichtete). Und zu dieser Kultur gehört, dass neben dem Geschlechtsakt mit den Angetrauten auch durchaus noch Sex nebenher erlaubt ist, was uns zur heutigen Schlagzeile in den südafrikanischen Medien führt. Jacob Zuma ist offenbar jüngst Vater eines unehelichen Kindes geworden. (Ob der Verkehr mit dessen Mutter – die Tochter eines Freundes der Familie – mit oder ohne Kondom stattgefunden hat, diese Frage dürfte sich aufgrund der Faktenlage erübrigen.) Zuma selbst findet es übrigens ,,völlig unangebracht”, dass die Medien so über ihn herfielen. ,,Der Präsident hat ein Recht auf Privatsphäre, was er da tut oder lässt, hat nichts mit seiner Politik zutun”, sagte ein Sprecher den Cape Times. Mag sein. Das scheint jedenfalls die Mehrheit des südafrikanischen Volkes zu denken. Jacob Zuma hat nie eine hörere Schule besucht, er hat als Tellerwäscher und Küchenjunge gearbeitet und kommt aus kleinen Verhältnissen. Zuma gilt als Mann des Volkes. Und das hat ihn vor noch weniger als zwei Jahren - nach dem ,,Duschskandal” - zum Präsidenten gewählt. Dabei geht es bei allem Zinober eigentlich gar nicht um Kultur, es geht noch nicht mal um Traditionen in Afrika, und es geht schon gar nicht darum, ob alternative Lebensformen zur Monogamie nicht durchaus Sinn machen können: Bei dem Verhalten von Jacob Zuma handelt es sich in erster Linie um männlichen Chauvinismus, der sich in Europa als auch in den USA, ja weltweit bei vielen Staatsoberhäuptern (Bill Clinton lässt grüßen) wiederfindet. Oder kennen Sie eine Präsidentin, die mehrere Ehemänner gleichzeitig um sich schart, gar in ihrer Amtszeit ihren Gärtner vergewaltigt? Aber das mag auch daran liegen, dass die Zahl der weiblichen Staatsoberhåupter so verschwindend gering ist. Und vor allem geht es nicht um die Menschen, von denen sich jeden Tag in Südafrika Tausende mit dem HIV-Virus infizieren, und die ein Vorbild dringend nötig hätten, das ihnen vorlebt, wie man den Schritt in die Katastrophe vermeidet. Jakob Zuma könnte so ein Vorbild sein, er genießt hohes Ansehen in seinem Volk. Aber vielleicht scheint ihm der Kampf gegen AIDS auch nicht vordringlich. Was vom Tage übrigblieb: Davon, dass mit den jüngsten Schlagzeilen um das südafrikanische Staatsoberhaupt das Thema AIDS und der verantwortungsvolle Umgang damit wieder auf die Agenda rückt, ist wohl nicht auszugehen. Und das ist das eigentlich Tragische an der Geschichte.Tue, 02 Feb 2010 16:29:00 +0100http://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=17Schwarz-weiße Wirklichkeithttp://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=19Schwarz und weiß. Das sind die Farben, die dieses Land seit fast 70 Jahren vor sich her treiben. 16 Jahre nach formaler Überwindung der Apartheid sind sie immer noch das zentrale Thema in allen Felder des täglichen Lebens Südafrikas. Der Unterschied zu nahezu 50 Jahren strikter Rassentrennung ist nicht, dass sich in der ANC*-Demokratie die Farbenlehre geändert hätte (die holzschnittartigen Realitäten dieses so anziehenden Fleckchens Erde können auch dem differenziertesten Betrachter nicht entgehen). Der Unterschied ist, dass man dieses augenfällige Faktum so heute auf keinen Fall benennen darf. Nicht sagen darf, dass der Gedanke einer Zweiklassengesellschaft sich (zwar nicht ideologisch, aber faktisch) gleich geblieben ist. Schwarz und weiß, diese Ausdrucksweise ist in höchstem Maße politisch unkorrekt im neuen pluralen Südafrika - schwarz und weiß ist dieser Staat aber durch und durch, auch und gerade im übertragenen Sinne. Und darum soll es an dieser Stelle auch bei dieser Formulierung bleiben. Weiß, das steht für helle Hautfarbe, das steht für die weitestgehend sehr wohlhabende Oberschicht am Kap, die nicht mehr nur englischer, holländischer, deutscher Abstammung ist, sondern sich zunehmend auch aus Zuwanderern aus den USA, der Sowjetunion und den asiatischen Staaten rektrutiert. Weiß sind die (von einer kleinen, sehr betuchten schwarzen Oberschicht aus schwarzen Funktionären und anderen Systemprofiteuren abgesehen) Menschen, die sich in den beliebten Restaurants der Großstädte von schwarzem Personal bedienen lassen, deren Küchenhilfen, Putzfrauen, Gärtner, Kinderfrauen schwarz sind. Weiß wie wohlhabend, wohnlich, wacker, weltgewandt, Waschbecken mit goldenen Kränen, Wintergarten, Wonne.... Schwarz steht für mehr als Zweidrittel der Menschen mit schokoladenbrauner bis nahezu pechschwarzer Hautfarbe, die hauptsächlich den eingeborenen südafrikanischen Stämmen angehören, aber auch als Flüchtlinge aus allen afrikanischen Ländern ans Kap auswandern. Diese Menschen leben im Nachapartheidsstaat immer noch in abgelegenen Stadtvierteln und hier unter unwürdigsten Bedingungen. Diese Menschen sind immer noch mehrheitlich arbeitslos und unterversorgt. Schwarz sind die Menschen, die weiße Gäste in Restaurants, Hotels, Lodges und Guesthouses bedienen, die in den Luxusvillen von Campsbay und Sandton die Sträucher schneiden und die Klos putzen. Schwarz wie schäbig, schwer vermittelbar, schmuddelig, schlicht das letzte Glied in der Kette. Aber Schande über den, der sich traut, das genau so auszusprechen. Der laut deklamiert, dass die soziale Schere heute genau da ihren Schnitt aufweist, wo die Apartheidsregierung ihn ein halbes Jahrhundert lang bewusst angesetzt hat: zwischen schwarz und weiß. Wenn in der Zeitung von kriminellen Delikten berichtet wird, darf unter keinen Umständen aus dem Artikel hervorgehen, welcher Bevölkerungsgruppe (mit welcher Hautfarbe) die Betroffenen angehören. Auf Werbeplaketen, in Werbespots im Fernsehen ist genau festgelegt, wie hoch der Anteil der dunkelhäutigen Menschen im Bild zu sein hat. Wer in seiner Firma, seinem Betrieb Mitarbeiter einstellen bzw. befördern will, der muss Schwarze per Gesetz bevorzugt behandeln. Schulen, die Schwarze aufnehmen, bekommen höhere Zuwendungen als von hellhäutigen besuchte Bildungseinrichtungen. Und das wäre ja auch alles gut und richtig, wenn denn die, die es am nötigsten hätten, wirklich einen Vorteil von den neuen Initiativen hätten. Haben sie aber mehrheitlich nicht. Denn wer in einer Blechhütte im tiefsten Khayelitsha haust, der kommt gar nicht in die Situation, befördert zu werden. Der hat in der Apartheids-Ära keine Schule besuchen dürfen und in der Nachapartheids-Ära deswegen keinen Ausbildungsplatz bekommen. Der ist jetzt arbeitslos. Und wird es auch bleiben, so sich die Politik des Landes nicht nachhaltig ändert. Ein Anfang wäre, die Realitäten so zu benennen, wie sie sich darstellen. Einzuräumen, dass man in 16 Jahren nicht in der Lage war, das grässliche Erbe der Apartheid in den Griff zu bekommen und einen Staat der gleichen Bedingungen für alle aufzubauen. Von Seiten des ANC klar zu sagen: ,,Ja, wir haben uns das einfacher vorgestellt - aber wir sind über unsere eigenen (auch persönlichen Macht-) Ansprüche gestolpert." Das hieße freilich auch zuzugeben, dass man die Verführungen der Macht unterschätzt hat. Dass die Tatsache, dass man tapfer und mutig (und am Ende erfolgreich und dabei friedlich wie kaum eine andere vergleichbare Bewegung der Welt!) Widerstand geleistet hat gegen Diktatoren einen nicht davor schützt, selbst die Genüsse der Macht schätzen zu lernen; nicht bewahrt vor Korruption, Filz und Vetternwirtschaft. (Vielleicht ist es vermessen, so etwas zu erwarten. Welcher Machthaber hätte so etwas jemals eingeråumt? Aber wir sprechen über eine Nation, die einen Nelson Mandela hervorgebracht hat. Wir sprechen von einer Nation, die Außergewöhnliches geleistet hat. Von der man Außergewöhnliches erwarten kann.) Ein weiterer Schritt wäre, effektive Maßnahmen in Angriff zu nehmen statt Alibi-Gesetze zu beschließen, die öffentlichkeitswirksam eine Politik des Ausgleichs dokumentieren, systemintern aber wenig ausrichten. Sinnvoll und effektiv wäre beispielsweise eine ganz gezielte Stadtplanungspolitik. Politik, die sich nicht für Autobahnen ausspricht, die die einzelnen Ghettos ebenso effektiv voneinander abgrenzen wie Zäune, Schilder und Polizisten im ehemaligen Unrechtsstaat, sondern für integrierte Siedlungsprojekte, die die Bewohner der Townships zu bevorzugten Bedingungen in den Aufbau der Communities einbeziehen. Ebenso wichtig wäre die Investition in Einrichtungen frühkindlicher Erziehung, Schulen und vor allem die Lehrerausbildung. Und zwar unter Einbezug der Menschen, die in den betroffenen Elendsvierteln wohnen. Diese Aufgabe NGOs zu überlassen ist einfach aber auf lange Sicht kontraproduktiv. Erfahrungen zeigen: Communities identifizieren sich mit ihren eigenen Leuten und Einrichtungen. Haben sie eine Krippe mit ihren eigenen Händen gebaut, kennen sie die Frau, die ihre Kindern dort betreut, aus der Nachbarschaft, dann wird eine solche Krippe schnell mehr als nur ein Aufenthaltraum für Kleinkinder, wird Familienzentrum, Mensa, Kleingarten und Teestube für einen ganzen Straßenzug. Das sind nur zwei beispielhafte Felder, auf denen Präsident Jacob Zuma und seine Regierung umsteuern müssten im Sinne einer Politik des Ausgleichs. Zurzeit stehen freilich Leuchttürme im Vordergrund, die vor allem die zahlreichen Besucher der Fußball-Weltmeisterschaft beeindrucken sollen. Doch von den zehn prachtvollen Stadien wird die Mehrheit der Südafrikaner nach Juli 2010 nicht profitieren, und auch nicht von den vierspurigen Schnellstraßen, die zurzeit in aller Hektik ausgebaut werden. Ganz klar: Der ANC hat 1993 ein schweres Erbe angetreten, und niemand kann ernsthaft erwarten, dass fast 17 Jahre später die Wunden von 50 Jahren Unmenschlichkeit geheilt sind. Jedoch muss das Bemühen zu erkennnen sein, sich diesen Verletzungen nachhaltig anzunehmen. Leider gewinnt man nicht den Eindruck, dass das gerade geschieht. *African National Congress, ehemalige Widerstandsorganisation gegen die Apartheid und heutige Regierungspartei Mon, 08 Feb 2010 12:45:00 +0100http://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=19Madiba, Madiba! http://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=21Nationalflaggen, T-Shirts mit Mandelas Konterfei, Fähnchen und Kameras: Sie hatten sich bunt geschnmückt, die zahlreichen Schaulustigen, die am frühen Abend des 11. Februar 2010 die Hauptverkehrsader durch Kapstadts Innenstadt flankierten. Die City war schon gegen fünf Uhr weiträumig gesperrt, Polizisten und Sicherheitskräfte grenzten die Fahrbahn vom Bürgersteig ab und Helikopter kreisten am stahlblauen Himmel. Was Menschen aller Colour nicht davon abhielt, in Scharen Richtung Parlamentsgebäude zu strömen. Unter ihnen Yvonne und Maureen, die schon morgens aus dem etwa 100 Kilometer entfernten Paarl angereist waren. ,,Wir sind zu fünft in einem Wagen gekommen”, erzählt Yvonne. Gespart hätten sie alle für diesen Tag, sagt die 62-Jährige, ,,mit meiner kleinen Rente hätte ich mir das sonst nicht leisten können.” Und dann sagt sie erstmal nichts mehr, denn pünktlich gegen halb sieben nähert sich der Wagen mit Präsident Jacob Zuma und seiner Gattin der Grande Parade. Plötzlich wird es laut zwischen den Wolkenkratzern, Jubeln, Kreischen, ein eiliges Durcheinander. Die Fenster des Präsidentengefährtes geben freie Sicht auf das Fahrzeuginnere. Der erste Mann des Staates in feierlichem Schwarz winkt seinen Anhängern zu, lächelt, zur einen Seite, winkt, lächelt zur anderen Seite – und dann ist er auch schon vorbei. ,, Habt Ihr gesehen? Er hat uns zugewunken!” Yvonne ist selig. Andere sind noch nicht zufrieden, warten sie doch an diesem Abend auf ihr eigentliches Idol: ,,Madiba” Nelson Mandela. Der aber nicht kommt, zumindest nicht im Konvoi über die Hauptstraße. Langsam löst sich das Spalier auf und wandert Richtung Parlament. Auch Yvonne, Maureen und die restlichen Fans aus Paarl haben sich auf den Weg gemacht. Der Präsident hat freilich seine ,,Rede an die Nation” im großen Plenarsaal bereits eröffnet, natürlich mit einer Würdigung Nelson Mandelas und F.W. de Klerks, die beide anwesend sind. Mit der Freilassung des Freiheitskämpfers Mandela aus jahrzehntelanger Haft im Jahr 1990 hatte der damalige Staatschef F.W. de Klerk den Weg bereitet für Verhandlungen über eine Abschaffung der Apartheid, die schließlich 1993 zur Gründung der demokratischen Republik Südafrika und den ersten freien Wahlen am Kap führten, aus denen Mandela und der ANC als haushoher Sieger hervorgingen. Mandela wirkt an diesem Abend erschöpft – der 92-Jährige hat sich schon vor Jahren aus der aktiven Politik zurückgezogen und gibt nur noch in Ausnahmefällen Interviews. Auch heute bleibt der amtierende Präsident Jacob Zuma der Hauptredner. Sein Anliegen ist ein schwieriges, und das emotionsgeladene Datum darum gut gewählt: Zuma muss sein Volk auf ein Jahr voller Herausforderungen einschwören, das geprägt ist von Großereignissen wie der Fußball-WM im eigenen Land, aber auch von einer Arbeitslosenquote von an die 40 Prozent und anhaltender Armut besonders in der farbigen und schwarzen Bevölkerung. ,,Dieses Jahr wird ein Jahr der Taten”, liest Zuma etwas steif von seinem Skript ab. Yvonne und Maureen haben sich in einem Schnellimbiss niedergelassen, von dessen Decke ein Fernseher flimmert (Großleinwände gibt es für die vielen Besucher nicht). Von der Schaffung von Arbeitsplätzen spricht der Präsident, vom Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, von besserer Ausstattung von Schulen und von Aids-Prävention. Nach 45 Minuten sind Yvonne und Maureen anttäuscht. ,,Er ist ein guter Präsident, aber er hat eigentlich nichts Konkretes gesagt”, findet Yvonne. Sie selbst ist seit 20 Jahren Witwe, ,,ich bekomme nur eine ganz kleine Rente und keine Unterstützung vom Staat. Dabei hat mein Mann sein Leben lang gearbeitet”, erklärt sie ihren Unmut. Sehr, sehr wenig bliebe da zum Leben, sagt die Mutter zweier Kinder und Großmutter eines Enkels. Trotzdem machen sich die fünf Gäste aus Paarl nach der Rede noch auf zum feierlichen Auszugs der Parlamentsmitglieder aus dem Parlament. ,,Wir kennen diese Leute ja nur aus dem Fernsehen!” Natürlich hoffen sie auch, doch noch einen Blick auf ,,Madiba” erhaschen zu können. ,,Wir lieben ihn!” Aber der bleibt an diesem Abend für seine Fans, abgesehen von ein paar Bildern in der Fernsehübertragung, unsichtbar. Sat, 13 Feb 2010 13:07:00 +0100http://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=21Armutszeugnis Außenministerhttp://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=22Vielleicht hat Guido Westerwelle (FDP) es noch nicht mitbekommen, aber 40 Prozent der Weltbevölkerung leben unter dem für ihr eigenes Land definierten Existenzminimum. Nun soll hier gar nicht von Hartz IV die Rede sein oder von denen, die in Deutschland vermeintlich den Steuerfrieden in Gefahr bringen, man sieht ja an unserem Außenminister, wohin so eine Debatte führt. In alle möglichen unappetitlichen Abgründe, aber ganz sicher nicht zur hohen Kunst der Diplomatie. Das wäre nicht so tragisch, wenn nicht genau dies des erklärten Retters der Rechtschaffenden ureigenstes Geschäft wäre. Möglicherweise ist es ihm bei all der innenpolitischen Hatz entfallen, aber Guido Westerwelle ist immer noch Außenminister. (Was uns wiederum daran erinnert, uns zu fragen, wie es dazu kommen konnte, aber das ist eine andere Geschichte.) Wir wissen also, Westerwelle hat etwas zu sagen zum Thema Armut in Deutschland. Wir wissen, was er sagt, ist nicht besonders tiefgründig, es bedient vielmehr die Vorurteile einer ganz bestimmten Klientel, es ist dafür gemacht, Neid zu schüren. Und wir wissen, sein Kerngeschäft ist eigentlich ein anderes. Was wir nicht wissen: Was sagt Westerwelle eigentlich zum Thema weltweite Armut? Nun, es gibt, Gründe, warum wir die Antwort auf diese Frage lieber nicht wissen wollen. Man stelle sich die Schlagzeilen in internationalen Medien vor: ,,Deutscher Außenminister fordert von den Hungernden in Afrika mehr Eigeninitiative”. Oder ,,Deutscher Außenminister fordert Sanktionen für Nahrungsverweigerer in Afrika”. Möglicherweise würde es dem Liberalen-Dampfplauderer ja helfen, zu tun, was jeder halbwegs aufgeklärte Mensch tut, bevor er anfängt, sich öffentlich über ein Thema zu verbreiten: sich zu informieren, am besten bei denen, die seine Kritik zum Gegenstand hat. Dass das in der Vergangenheit der Fall war, diesen Eindruck gewinnt man leider nicht. Die Lebenswirklichkeit des Guido Westerwelle hat mit der eines Hartz IV-Empfängers ungefähr so viel zutun wie ein Armani-Dreiteiler mit einer Jeans von Aldi. (Und von Bewohnnern der Slums in Afrika, Südamerika und Asien ist dabei noch gar nicht die Rede.) Wie soll sich unser Armani-Außenminister also bewegen etwa in Mitchells Plain oder Soweto, Südafrikas problematischsten Townships, in denen Menschen in Blechhütten leben, 75 Prozent von ihnen arbeitslos, der Rest mit einem monatlichen Einkommen von unter 300 Euro, mit Straßenzügen ohne Strom und fließend Wasser, mit einer Vergewaltigungsrate von 50 Delikten am Tag? Was sagt Westerwelle den Dorfbewohnern in Mauretanien, deren Jahreseinkommen zu den geringsten der Welt zählt? Wie nähert er sich den Slums in Südamerika und Indien, in denen Hunderttausende in Müll und Dreck leben? Wie kommentiert ein ,,Leistungsträger” all dieses (nicht selbst verschuldete!) Elend? Mit dem Ruf nach ,,Verteilungsgerechtigkeit”? Wo wir doch wieder bei der alten Geschichte wären: Von Armut weiß Guido Westerwelle offenbar wenig, und ob er jemals einen der oben beschriebenen Orte aufgesucht hat, ist zu bezweifeln. Dramatisch ist, dass ihn das nicht davon abhält, sich darüber zu verbreiten. Und die Deutschen nicht, ihn zum Außenminister zu wählen. Mon, 15 Feb 2010 17:49:00 +0100http://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=22Torte für den Diktator http://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=23Es ist mal wieder soweit. Robert Mugabe hat Geburtstag. Woher wir das wissen? Weil Parteifunktionäre von Zimbabwes altem und neuen Präsidenten auf ihrer turnusmäßigen Spendenreise sind, wie die Zimbabwe Times berichtet. Gesucht werden: linientreue Geschäftsleute, die etwas für den Festtag des ,,großen Führers” springen lassen, aber auch gerne Privatpersonen, die sich mit kleinen bis großen Geschenken eine politische Karriere in Zimbabwe erkaufen wollen. Während Mitarbeiter im öffentlichen Dienst immer noch für die Zahlung ihres monatlichen Gehaltes von 150 US-Dollar streiken und große Teile des Landes unter einer Dürreperiode leiden, die eine verheerende Hungersnot nach sich zieht, beschäftigt sich die Jugendorganisation von Mugabes Regierungspartei Zanu-PF eifrig mit den Festvorbereitungen. Funktioniert hat dieses System in den vergangenen Jahren prächtig. Zum 85. Geburtstag feierte Mugabe mit seinen Vertrauten für rund 300 000 US-Dollar. Dabei handelt es sich, so man dem offiziellen Parteiduktus folgt, gar nicht um eine profane Party, sondern um eine ,, Bewegung”, einen ,,Ruck”, der an diesem Tag durch das Land gehen soll. Schon jetzt übertreffen sich Minister, staatliche Verbündete und andere Gratulanten mit großformatigen Glückwunsch-Anzeigen in Zimbabwes Tagespresse. Mugabe hat sogar einen Preis ausgelobt für das originellste Design – im letzten Jahr gewann diesen das Verteidigungsministerium, das den Diktator in seiner Veröffentlichung ,,das großartige Krokodil” gehuldigt hatte. Am Festtag selbst werden tausende Vertreter der Zanu-PF Jugendorganisation dem Jubilar mit roten Schals danken, während dieser – ebenso mit rotem Schal geschmückt – einen riesige Geburtstagstorte anschneidet. Für den 26. Februar ist nach Berichten der Zimbabwe Times eine Gala mit nationalen und internationalen Musikern geplant, bei der von 6 Uhr abends bis 6 Uhr morgens gefeiert werden soll. Wovon Mugabes Volk freilich wenig haben wird. UN-Experten rechnen damit, das 15 Prozent der Bevölkerung Zimbabwes dieses Jahr ohne Lebensmittelspenden von außen nicht überlebt. Sat, 20 Feb 2010 09:28:00 +0100http://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=23Fifas Fußballimperiumhttp://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=24,,In den vier Wochen während der WM ist nichtmal der Sonnenuntergang umsonst. Alles gekauft von der Fifa”, unkte jüngst ein südafrikanischer Kolumnist in einer angesehenen hiesigen Tageszeitung und kündigte für Juni/Juli vorsorglich seine Flucht aus dem ,,komplett Fifa-Besetzten-Land” an. Tatsächlich ist das Gebahren des Fußball-Welt-Verbandes vor dem Großereignis den Riualen der einstigen Kolonialherren am Kap nicht unähnlich (nicht, dass das irgendeinen Kenner der Szene überraschen würde: Immerhin darin ist sich das Konglomerat von Feierabendfunktionären über Jahrzehnte gleich geblieben, und auch in Sachen Austragungsorte praktiziert es zumindest Gleichschlechtbehandlung). Im Folgenden ein paar Beispiele: Sie wollen während der WM wie gewohnt ihr Feierabend-Bier beim Liquor-Store unten an der Ecke kaufen? Leider ganz böse daneben kalkuliert, jedenfalls dann, wenn Sie im Umkreis von zwei Kilometern von einem der zehn Stadien wohnen. Den Händlern ist es innerhalb dieser Bannmeile strikt verboten, Alkohol über den Ladentisch zu reichen (es könnten ja ein paar kleine Tante-Emma-Läden vom Fußball-Boom profitieren und die wertvollen Rand den Fifas damit durch die Lappen gehen). Sie haben sich ein Ticket gekauft und wollen im Stadion traditionelles einheimisches Bier verköstigen? Völlig verschossen, das Ding, die Fifa hat einen Sponsorenvertrag mit dem amerikanischen Bierhersteller Budweiser abgeschlossen. Also Ami-Pils statt Kap-Gezapftes. Das wird übrigens auch nach dem Spiel nicht besser: Denn auch vor den Stadien ist es niemandem der hiesigen Bierbrauer erlaubt, seine Ware an den Mann zu bringen. Es sei denn, sie zahlen im Vorfeld so horrende Gebühren, dass sich die Aktion wirtschaftlich für niemandem mehr lohnt (außer für die Fifa). Sie haben Lust auf aktuelle Nachrichten vom Kap? Dann besorgen Sie sich jetzt schonmal ein Tageszeitungsabo. Denn den Zeitungsverkauf rund um die Stadien hat die Fifa untersagt. Allerdings würde ich zur Vorsicht raten, bevor Sie sich auf eine Langzeitabmachung mit einem Medium einlassen: Akkredditierte Journalisten müssen nämlich einen Vertrag unterzeichen, dass sie auf keinen Fall kritisch über die Veranstaltung berichten – sonst werden sie gar nicht erst in die Stadien gelassen. Objektive Berichterstattung ist also nicht zu erwarten – jedenfalls nicht, wenn es nach Fifas Nasen geht. Sie sind gar nicht damit einverstanden, dass Diktator Robert Mugabe sein Volk in Zimbabwe in eine Hungersnot nach der anderen treibt, während er in seinem Präsidentenpalast in Harare rauschende Feste feiert? Dann bleiben Sie am besten gleich Zuhause, denn die Fifa hat damit überhaupt kein Problem. Erst jüngst verhandelte sie mit Mugabes Neffen über den Verkauf von VIP-Packeten für die WM in Zimbabwe (der Verkauf läuft übrigens nach dessen Angaben blendend!). Der Name dieses besagten Neffen steht auf der Sanktionsliste der Europäischen Union, wie auch der Vereinigten Staaten gegen Zimbabwe. Und wenn Ihnen noch nicht die Lust vergangenen ist (was ich nicht hoffe, denn die meisten Menschen in diesem wunderbaren Land können schließlich nichts dafür, dass sie von der Fifa nach Strich und Faden über den Tafelberg gezogen werden), dann hier noch eine gute Nachricht zum Schluss: Weil der Ticketverkauf ob übersteigerter Preisvorstellungen bisher eher schleppend verlaufen ist, senkt die Fifa jetzt die Preise. Karten werden – vor allem für Einheimische – deutlich billiger. Jetzt wollen Sie wahrscheinlich noch wissen, ob das alles auch wahr ist, was ich hier verzapfe, oder vielleicht auf Fifas Mist gewachsen? Well, you never know. Big Brother is watching you. Aber eins kann ich Ihnen versichern: Ich habe mir meine Tickets für die Spiele selbst gekauft. Und unterschrieben habe ich gar nichts. Thu, 25 Feb 2010 14:16:00 +0100http://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=24,,Wir sind bereit!” http://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=25Langsam scheint der Funke überzuspringen: 100 Tage vor Anpfiff der ersten Fußball-Weltmeisterschaft auf dem afrikanischen Kontinent sind es nicht mehr nur Fifa-Funktionäre und Politiker, die die Fahne hochhalten. In Kapstadts Innenstadt gehören Vuvuzelas, die traditionellen afrikanischen Fantrompeten, inzwischen zum Straßenbild, und wer nicht aufpasst, der wird auch schonmal in dem ein oder anderen Treppen-, Kaufhaus oder Restaurant zusammengetrötet. ,,Wir sind bereit!”, sagte Südafrikas Präsident Jacob Zuma jetzt in einer Fernsehansprache anlässlich des runden Datums. Und das sagen offenbar auch 85 Prozent der Bevölkerung am Kap, wie ein hiesiges Umfrageinstitut am Dienstag in den ,,Capetimes” verkündetete. Tatsächlich sprechen die Fakten für sich: Die sechs neuen Stadien, extra für das Großereignis erbaut, sind rechtzeitig zum Termin fertig geworden. Und auch die Renovierungsarbeiten an den vier vorhandenen Spielorten sind weitestgehend abgeschlossen. Die Probleme rund um den öffentlichen Nahverkehr scheinen auch endlich einer Lösung zuzustreben. Die Verhandlungen der Regierung mit den Taxigesellschaften, die sich von dem eigens für die WM konstruierten Bussystem bedroht fühlen, sind in eine konstruktive Phase eingetreten. Und auch das Busssystem selbst funktioniert und wird von den Menschen angenommen, das beweist Johannesburg, wo die innovativen Shuttles seid Wochen im Einsatz sind. Die Unterkünfte der WM-Teams sind bei Kickern und Betreuern bestens angekommen – auch hier offenbar Zufriedenheit auf allen Seiten (das deutsche Team ist in der Luxushotelanalge ,,Velmore Grande” in Pretoria untergebracht). Und auch für Fans stehen genügend Quartiere zur Verfügung – so viele, dass hiesige Touristenanbieter und Guesthousebetreiber bereits bangen, ob diese überhaupt ausgelastet sein werden. Probleme bereiten immer noch die Ticketverkäufe innerhalb Südafrikas. Während einige Spiele bereits ausverkauft sind, ist das Kontigent der Karten für Einheimische immer noch nicht ausgeschöpft. Von den erwarteten 20 Prozent der Tickets sind erst elf Prozent verkauft. Die Fifa hat angesichts dieser Tatsache jetzt nochmal angekündigt, die Ticketpreise zu senken. Weiteres Sorgenkind ist ,,Bafana”, die südafrikanische Nationalmannschaft. Teamacaptain Aaron Mokoena leidet immer noch unter einer Aaron Mokoena Verletzung, und es ist nicht klar, ob er am 11. Juni überhaupt spieltüchtig ist. ,,Ohne Aaron werden wir es sehr sehr schwer haben”, sagt auch Bafana-Coach Carlos Alberto Perreira. Das glauben offenbar auch viele Südafrikaner. Nur 55 Prozent meinen, dass ihr Team gut genug vorbereitet ist. Tue, 02 Mar 2010 15:34:00 +0100http://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=25Vuvu-Zauberhttp://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=26Die Rede ist von der Vuvuzela, der echten südafrikanischen Fantrompete. Sie sieht aus wie eine Lilie ohne Blätter, ist gemacht aus Plastik und besticht durch ihre Lautstärke. Fachleute beschreiben die mit rund 120 Dezibel. Aber wenn Sie jemals mit einer Vuvuzela Aufzug gefahren sind, dann möchten Sie ganz andere Worte gebrauchen, das kann ich Ihnen versichern. Sagen wir mal so: Ein voll aufgedrehter Lautsprecher platziert in zwei Millimeter Abstand zum Trommelfell ist nichts dagegen. Es gibt Menschen, die nennen das Geräusch Elefantengebrüll – da ich mich nie einem Elefanten bis auf weniger als hundert Meter genähert habe, und die Exemplare, die mir über dem Weg gelaufen sind, friedliche Zeitgenossen waren, kann ich das leider nicht bestätigen. Wobei: Denkbar wäre es. Die Vuvuzela darf jedenfalls in keinem südafrikanischen Stadion fehlen. Manch wütender Fan hat sich schon zu dem Urteil hinreissen lassen, ohne ihre Vuvuzelas hätten die afrikanischen Teams noch kein einziges Spiel gewonnen. Das ist natürlich fauler Zauber, wiewohl: Tatsächlich verfolgen die Fans in den Stadien eine ausgeklügelte Zermürbungstaktik (wer jemals bei einem Spiel mit afrikanischer Beteiligung dabei sein durfte, weiß, wovon ich rede). Wähnt der Gegner sich nach dem ersten Tor auf der Siegerstraße, setzt der Lärm an. Zurückhaltend zunächst, dann anschwellend, bis selbst der Torwart der gegnerischen Mannschaft sich lieber die Ohren zu halten würde als den Ball. Nein, dieser Torwart möchte man nicht sein, und schon gar nicht Ordner, der den afrikanischen Fanblock unter Kontrolle zu halten hat. Woher die lautstarken Störenfriede kommen, darüber streiten sich übrigens die Gelehrten. Die einen meinen, die Vuvuzela habe in afrikanischen Dörfern und später in den südafrikanischen Townships dazu gedient, die Bewohner zu wichtigen Versammlungen zusammenzututen. Es gibt aber auch die, die sagen, Vuvuzelas wurden Mitte des letzten Jahrhunderts von südafrikanischen Lokführern als Warnsignal benutzt und später von den Widerstandskämpfern gegen die Apartheid umfunktioniert. Einig sind sich alle, dass die Tröte früher nicht aus Plastik war, sondern aus Blech oder Zinn. Und dass ,,Vuvuzela” Zulu, die Sprache der südafrikanischen Ureinwohner ist. Heute machen die Hersteller auf farbenfroh. In Düsseldorf hofft eine Firma schon seit Monaten auf den großen Reibach und wirbt im Internet mit den ,,einzig wahren afrikanischen Fantrompeten”. In Südafrika kostet ein Exemplar um die 30 Rand (3 Euro). Aber Achtung: Wer den echten Vuvu-Sound hinkriegen will, der sollte jetzt schonmal mit Lippengymnastik starten. Bis zur WM sind es nur noch weniger als 100 Tage, und wer will sich schon nachsagen lassen, ,,sein” Team hätte ein wichtiges Spiel verloren, weil die gegnerischen Fans einfach die fettere Tröte gehabt hätten. Ich jedenfalls habe mir gerade in der Mittagspause eine gekauft und übe mich jetzt im Vuvuzauber. Fern von jeglicher Zivilisation, versteht sich. Wozu gibt es Kellerräume? Mon, 15 Mar 2010 13:50:00 +0100http://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=26Shakira und Co. für 140 Eurohttp://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=27Zunächst die gute Nachricht: Shakira, Alicia Keas und weitere internationale und nationale Stars waren sich nicht zu schade, die erste Fußball-WM auf dem afrikanischen Kontinent einzuläuten. Das Eröffnungskonzert am Vorabend (10. Juni) der offiziellen Eröffungsfeier im Orlando Stadion in Soweto, Johannesburg, ist hochkarätig besetzt. Leider sind die Eintrittkarten für das Ereignis für Einheimische kaum zu bezahlen, und auch besser betuchten Fußballtouristen bleibt angesichts der Tarife die Spucke weg. Wobei wir bei der schlechten Nachricht wären, die der Cape Argus, südafrikanische Tageszeitung, jüngst verkündete. Kartenpreise für das Musikereignis starten bei 450 Rand (42 Euro) für den äußeren Stadionzirkel und klettern bis auf 140 Rand (130 Euro) für die besten Plätze des Hauses. ,,Und obwohl das Konzert als ,die großartigste Show, die jemals in Afrika stattgefunden hat’ beworden wird, könnte manchem die Preisfrage doch übel aufstoßen”, urteilt der Cape Argus. Hinzu kommt, dass hiesige Fans keineswegs auf ein für sie reserviertes Kartenkontigent zu Vorzugspreisen zurückgreifen können. Sie müssen mit den internationalen Besuchern, die von überall auf der Welt über das Internet Zugriff haben, um die limitierte Ticketanzahl buhlen. Auf die, die dennoch eine der begehrten Eintrittskarten ergattern können, wartet eine Veranstaltung, die nicht nur Alicia Keas und Shakira auf die Bühne bringt, sondern auch afrikanische Showgrößen wie Amadou und Mariam, Angelique Kidjo, The Black Eyed Peas, The Parlotones and Vusi Mahlasela. Außerdem werden aktuelle und ehemalige Fußballstars teilnehmen, ebenso wie Celebreties aus anderen Bereichen. Produziert wird das Konzert von dem mit dem Emmy-Award ausgezeichneten Kevin Wall und seiner Firma ,Control Room’. Control Room zeichnet verantwortlich für die Produktion einiger der weltweit größten Musikereignisse wie etwas das Live Earth-Konzert 2007, an dem mehr als 150 Künstler auf sieben Kontinenten über den Zeitraum von 24 Stunden teilgenommen haben. Ziel des Konzertes war es, das Bewusstsein für den Klimawandel zu schärfen. Auf der offiziellen Fifa-Internetseite betont Wall: ,,Wir sind überzeugt, Sport und Musik können kulturelle, sprachliche und geographische Barrieren überwinden. Das ist das Ziel dieses Konzertes.” Sämtliche Erlöse des Konzertes gehen an das Projekt ,,20 Centres for Africa” (20 Zentren für Afrika), deren Ziel es ist, 20 Zentren auf dem afrikanischen Kontinent zu gründen, die Bildungs- und Gesundheitsvorsorge-Angebote ebenso wie Fußballtraining in benachteiligten Regionen anbieten. Tickets für das Konzert gibt es unter www.computickets.com Thu, 25 Mar 2010 10:20:00 +0100http://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=27Der Montagsdoktorhttp://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=28Montag in Kapstadt, ich bin auf der Suche nach einer neuen Glühbirne für meine Leselampe (eine Tätigkeit, wie gemacht für einen Montag: Man bringt sie mit ebensolchem Naserümpfen hinter sich wie besagten Wochentag). Bequem wäre, 20 Minuten raus aus der Stadt Richtung Industriegebiet und Builders Market (die hiesige Version von Bauhaus) zu steuern. Preiswerter ist, die fliegenden Händler am Hauptbahnhof aufzusuchen. Bei den fliegenden Händlern an Kapstadts Nahverkehrsdrehscheibe kann man von Hotdogs in Thaistyle über Ledersohlen und Lavendelseife bis hin zu Sicherheitsnadeln in Nationalfarben und WM-Helmen mit Hupe alles kaufen, selbst montags. Was einzig zählt, ist das Wo und Wieviel. Wo finde ich den Glühbirnenverkäufer meines Vertrauens und wieviel Rand muss ich bei ihm für meine 40 Watt-kompatible Lesehilfe, wenn’s geht im Stromsparmodus, abdrücken? Während ich noch im größten Gedrängel von Main Road zwischen Currydämpfen und fülligen Frauen mit auf den Rücken gebundenen Babys über diese lebenswichtige Montagsfrage meditiere, schiebt sich ein Gesicht zwischen mich und die Lösung des Birnenproblems. ,,Haben Sie ein Problem?” (Woher weiß der Vogel das???) Bevor ich den interessierten Menschenfreund mit dem zugegebenermaßen nicht eben menschenfreundlichen Körpergeruch darüber aufklären kann, dass ihn meine Montagsdepressionen gar nichts angehen, redet der schon weiter: ,,Was es auch immer ist, ich habe die Lösung für alle Ihre Probleme!” Wenn der wüsste: Ich will keine Männer, die mich auf den ersten Blick durchschauen. Und ich will keine Männer mit Lösungen. Vor allem will ich keine Männer mit Körpergerüchen. Das einzige, was ich in diesem Moment will, ist, dem Bruder ein mildes Lächeln schenken und abwinken. Aber da ist der bereits verschwunden. Was einzig bleibt: Ein Blättchen Papier, das mir Mister Wunderheiler in die Hand gedrückt hat. Naja, was soll ich sagen? Birne went well, was soviel heißt, wie: In Sachen Leselampe habe ich dann doch noch bekommen, was ich wollte, von einem hilfsbereiten Händler mit kulanten Preisvorstellungen. Und auch der Montag war irgendwann am Ende mit seinen Schikanen. Als ich in meinem hellerleuchteten Schlafzimmer endlich in meinen Kissen lag, fiel mir besagter Zettel wieder ein. Ich fasste mir ein Herz, stand nochmal auf und kramte ihn aus meiner Hosentasche. ,,Leiden Sie unter Hautkrankheiten, Asthma, hohem Blutdruck, Alkoholabhängigkeit, einer Pechsträne, Unfruchtbarkeit, Übergewicht, Mundgeruch, einer unglücklichen Ehe oder sexuellen Problemen? Doktor Aisha verschafft Ihnen Erleichterung: Mit mexikanischen Kräutern aus Jamaika werden sich alle Ihre Beschwerden innerhalb von sieben Tagen in Luft auflösen.” Und dann noch die praktischen Hinweise: ,,Kontaktieren Sie Doktor Aisha unter Telefon…. Erstberatungsgebühr: 50 Rand” (4,80 Euro, Anm. d. A.). Ich erinnerte mich an meine Begegnung mit dem Meister und löschte zufrieden meine Neuerwerbung. Besser Erleuchtung mit Birne als Übelkeit mit Wunderheiler. Zumal: Ein Mittel gegen Montage hatte der sowieso nicht im Programm. Tue, 30 Mar 2010 10:31:00 +0200http://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=28Ein Mord, Hasslieder und wie Südafrika zwei Monate vor der WM um Selbstfindung ringthttp://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=29Ventersdorp ist ein kleiner Ort im Nord-Westen Südafrikas. Eine Kirche im Zentrum, ein paar Geschäfte um die Ecke, eine Straße, die die beiden Teile des Ortes durchschneidet wie ein Strich. Die beiden Teile sind auf der einen Seite das ,,weiße” Ventersdorp, in dem Einwohner mit vornehmlich heller Hautfarbe und genügend Auskommen in geräumigen Einfamilienhäusern mit umzäunten Vorgärten leben; auf der anderen Seite der ,,schwarze” Teil. Hier leben die, die auch in Apartheidstagen immer schon auf der Schattenseite gelebt haben. Schwarzafrikaner, Farbige, die sich ihre Behausungen aus Wellblech und Plastik zusammenzimmern. In Südafrika haben sich vor 16 Jahren die Gesetze geändert, die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen dürfen seitdem gleichberechtigt und demokratisch zusammenleben. In Ventersdorp ist diese Entwicklung bis heute nicht angekommen. Insofern unterscheidet es sich wenig von vielen Kleinstädten des Vielvölkerstaates, in denen die Apartheid zwar rechtlich aufgehoben ist, praktisch aber oftmals weiter gelebt wird. Und doch gibt es einen Unterschied: In Ventersdorp wurde jetzt der Führer der ultrarechten Befreiungsfront der Buren (AWB) brutal ermordert. Jener Befreiungsfront, die sich 1994 vehement für die Beibehaltung der Apartheid, sprich das Unterdrückungsregime der vornehmlich weißen Machthaber ausgesprochen hat. Zwei farbige Arbeiter erschlugen Eugene Terre’Blanche auf seiner Farm im Schlaf. Hintergrund der Tat: Der rechtsradikale Burenführer soll den beiden Gelegenheitsjobbern den Lohn verweigert haben. Nun wäre dieser Mord unter normalen Umständen zwar tragisch, auch würde er einiges Medienecho nach sich ziehen, nicht aber in dem Ausmaß, in dem das zurzeit der Fall ist, schon gar nicht derartiges internationales Interesse. Aber die Umstände, nun, sie sind nicht normal. In Südafrikas politischen Eliten tobt seit dem Regierungswechsel von Präsident Thabo Mbeki zu Jacob Zuma 2009 ein Machtkampf um die Meinungshoheit in der allmächtigen Regierungspartei African National Congress (ANC), den ein schwacher Präsident nur leidlich unter Kontrolle halten kann. Zuma, mit Korruptionsvorwürfen und Skandale um sein ungezügeltes Sexleben belastet, strauchelt seit Monaten zwischen den Fronten der einzelnen Unterorganisationen des ANC. Die sind ihrerseits damit beschäftigt, durch mediale Profilierung und interne Lobbyarbeit ihre Pfründe zu sichern. Da wäre das jugendlich ungestüme intellektuelle Leichtgewicht Juluis Malema, Vorsitzender der ANC Jugendorganisation ANCYL, der mit einer Mischung aus Hetzreden, Hassliedern und Populismus die Debatte um Rassenaussöhnung konterkariert. Da wäre eine kommunistische Plattform (SACP) unter einem kalt gestellten Generalsekretär Blade Nzimande, dessen Forderungen nach Anti-Korruptionsmaßnahmen sich immer seltener Gehör verschaffen können. Und da wäre eine Oppostion, allen voran Kapstadts Bürgermeisterin Helen Zilles Demokratische Allianz (DA), deren relativ geringer Anteil an parlamentarischem Einfluss allenfalls hier und da ein paar mediale Akzente setzen kann. Und schließlich die Fußball-Weltmeisterschaft im Juni/Juli, die wie ein Damoklesschwert über dem Land hängt - Fluch und Segen gleichermaßen für all diejenigen, die sich von dem Großereignis eine Steigerung der internationalen Reputation des Landes, gar des gesamten Kontinentes erhoffen. In dieser aufgeheizten Gemengelage könnte die Ermordung eines hochgradig umstrittenen Befürworters des ehemaligen Unrechtssystems Öl ins Feuer für all diejenigen sein, die die Versprechungen der neuen Machthaber von Aussöhnung und Angleichung der Lebensverhältnisse als nicht eingelöst empfinden, ja sich gar betrogen fühlen. Und einige Medien lassen sich tatsächlich dazu hinreißen, den Fall Terre’Blanche in diese Richtung auszuschlachten. Dennoch ist diese Analyse so kontraproduktiv wie falsch. Denn obwohl all die angesprochenen Probleme die junge Demokratie am Kap belasten, die Schere zwischen Arm und Reich weit davon entfernt ist, sich zu schließen und immer noch entlang der alten Rassenlinien verläuft; obwohl die Korruption unter den politischen Eliten eine moralische Bewusstseinsbildung erschwert; obwohl rassistisch motivierte Übergriffe immer noch erschreckend oft den Alltag bestimmen: Trotz aller Unterschiede und Spannungen herrscht insgesamt Frieden; der Glaube daran, dass das Erbe eines Nelson Mandela, der Traum von einer friedliebenden und prosperierenden Regenbogennation nicht verraten werden darf. Das gemeinsame Selbstverständnis, das trotz aller Brüche erstaunlich stabil die politischen Krachmacher in Schach hält, mag jung sein, aber es sitzt tief. Und was die Südafrikaner im Moment am wenigstens gebrauchen können, sind sensationshungrige Journalisten und profilierungssüchtige Klaqueure, die neuen Rassenunruhen das Wort reden. Ja, dieses Land hat eine Debatte nötig, denn 16 Jahre nach dem Neuanfang sind viele Ideale nicht realisiert worden, allen voran der Traum von rassenübergreifender sozialer Gerechtigkeit. Doch diese Diskussion muss moderat und mit Augenmaß geführt werden und unter Einbindung möglichst aller demokratischen Kräfte des Landes. Die Ermordung eines Terre'Blanche ist tragisch, die Ausbrüche eines Julius Malema sind ärgerlich. Sie sind extreme Ausreißer einer immer noch fragilen Versöhnungskultur, aber eben nicht mehr. Die AWB und ihre rechtsradikalen Anhänger sind in den letzten Jahren nahezu in der Bedeutungslosigkeit versunken. Ein Julius Malema hat nichtmal ein politisches Mandat. Und gerade deshalb sind beide Phänomene keinesfalls dazu angetan, die ohne Frage ebenfalls vorhandene gesunde Grundlage für eine solch wichtige Debatte zu zerstören. Ein junger Mann aus Kamerun, der seit vier Jahren in Kapstadt studiert und im Rahmen seiner Forschungen ein halbes Jahr in Ruanda verbracht hat, brachte es in den letzten Tagen in einer Fernsehumfrage auf den Punkt: ,,Ja, es gibt in Südafrika all diese Probleme. Aber da ist der Wille zur Versöhnung, dieser tiefe Wunsch, es besser zu machen als die Nachbarn. In Kamerun herrscht Lethargie. In Ruanda herrscht Wut und Verletzung. Hier herrscht Friede.”Thu, 08 Apr 2010 17:20:00 +0200http://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=29Schwarz-weißes Kinohttp://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=32Ein farbiges Mädchen senkt schuldbewusst die Augen, während ihr hellhäutiger Vater ihr erklärt, mit einem ,,Kaffer” habe sie abends nicht auszugehen, das sei unter ihrem Niveau. Es ist diese Szene, die meine südafrikanischen Freunde aus dem Kino rennen machen möchte. Eine von zu vielen, in denen der preisgekrönte Streifen ,,Skin”, der zurzeit auch in deutschen Kinos gezeigt wird, auf der Apartheidsklaviatur spielt, als sei diese nichts anderes als eine Ansammlung schwarz-weißer Plattitüden. Kurz zum Plot, der auf einer wahren Geschichte basiert: Ein Kind wird geboren in der Hochzeit der Rassendiskriminierung in Südafrika. Am Kap regieren in den 60er Jahren die Buren, Nachfahren der ehemals eingewanderten niederländischen Kolonialherren, die in ihrem Regime systematisch die Mehrheit der südafrikanischen Ureinwohner unterdrücken. Unter den Bedingungen dieses Unrechtssystems entwickelt sich das Schicksal der Sandra Laing, als dunkelhäutiges Kind von ,,weißen” Eltern ist sie sozusagen eine Laune der Natur. Ein genetischer Sonderfall, der zwar wissenschaftlich erklärbar, ideologisch in einem System der strikten Rassentrennung aber nicht vorgesehen ist. So nimmt die Geschichte ihren Lauf, Sandra wird von ihren weißen Klassenkameraden gehänselt, findet sich im Leben der Weißen nicht zurecht, und während ihr ebenso sturer wie regimetreuer Vater verbissen um ihre offizielle Anerkennung als Weiße kämpft, hat Sandra sich bereits in den schwarzen Farmarbeiter Petrus verliebt und ist mit ihm ins Township geflüchtet. Diese Geschichte könnte bewegend, spannend und vielschichtig sein. Ist sie aber nicht. Zum einen, weil das Drehbuch von Helen Crawley, Jessie Keyt und Hannah Kniel allzu holzschnittartig Schauplätze und Ereignisse aneinanderreiht. Zum anderen, weil der britische Regisseur Anthony Fabian es tatsächlich schafft, sämtliche Klischees zu bedienen und jegliche Zwischentöne auszusparen. Das beginnt schon mit dem Titel ,,Skin” – Haut, der angesichts des Themas platter nicht sein könnte. Und auch im weiteren Erzählverlauf: Die Realitäten von Klassifizierung und Zwangsumsiedlung, von Gewalt, Intoleranz und Misstrauen, aber auch von Nachbarschaftshilfe, Zivilcourage und Freundschaft, die Fragen, Irritationen, aber auch Bande, die trotz politisch angeordneter Segregation zwischen Menschen geknüpft worden sind, die eben zusammen leben mussten, und die oft genug andere Sorgen hatten als ihre Hautfarbe, werden von Fabian schlicht ignoriert. Stattdessen werden Allgemeinplätze gespiegelt: Natürlich werden die schwarzen Hausangestellten in der Familie Laing vom Hausherrn (Sam Neill, dessen verkrampfter südafrikanischer Akzent nervt) wie Minderwertige behandelt, natürlich ist der benachbarte Farmersjunge jemand, der sich nur mit Hühnern und Vieh auskennt, und natürlich werden im Township Kranke ausschließlich von Schamanen geheilt. Die demütige, unterwürfige Darstellung von Sophie Okonedo (Sandra) macht es nicht besser. In ihrem Spiel ist Sandra eine Frau auf der Verliererseite, deren Charakter in seiner Facettenarmut leblos bleibt. Worauf der Film leider nicht verzichtet: den erhobenen Zeigefinger. Gut muss gut und Böse muss böse bleiben, und wer das auch nach 140 Filmminuten noch nicht verstanden hat, der verinnerliche den weinerlichen Dialog zwischen dem sterbenden Vater Laing, der seine verstoßene Tochter vor seinem Tod um Verzeihung bitten will, und seiner verbitterten Frau. Vater Laing: ,,Bitte bring mich zu Sandra!” Mutter Laing: ,,Nein. Du hast ihr lange genug Unrecht getan. Du hast Deine Entscheidung getroffen!” Viele meiner Freunde sind als Südafrikaner der neuen Generation strikte Verfechter von Mandelas Regenbogennation. Und gerade deswegen hat sie dieser Film geärgert. Weil er eben nicht authentisch über ein krankes System erzählt, sondern allzu politisch korrekt eine Wahrnehmung von Gut und Böse bedient, die schon Nelson Mandela in seiner Antrittsrede als Präsident eines neuen Südafrika für überholt erklärt hat. ,,Skin” reflektiert unbetritten einen nicht nur für Südafrikaner wichtigen Teil Weltgeschichte - leider weder intelligent noch unterhaltsam. Allein die Tatsache, dass ein Film die Apartheid behandelt, macht ihn noch nicht zu einem guten Film. Tue, 13 Apr 2010 12:56:00 +0200http://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=32Der große Ausverkaufhttp://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=33Südafrikaner, die in der Tourismusbranche ihr Geld verdienen, müssen sich zurzeit herbe Kritik gefallen lassen: Sie seien Schuld am horrenden Preisanstieg für Hotels und Verköstigung während der WM-Phase. Ihre Maßlosigkeit und Profitgier mache die Situation für Reisende unzumutbar, schimpfen vor allem ausländische Medien. Erinnert euch an Athen 2004, schallt es den vermeintlichen Übeltätern entgegen: Seit den Olympischen Spielen sei die griechische Metropole ihren Ruf als halsabschneiderische Touristenfalle nicht mehr losgeworden… Leider haben die Verfasser solcher Nachrichten nicht besonders sorgfältig hingeschaut. Zwar sind deutliche Preisanstiege bei Hotelbetten und Eintritten etwa zu den Nationalparks zu verzeichnen – jedoch nicht, weil regionale Anbieter sich davon besonders lukrative Einkünfte versprechen. Ganz im Gegenteil würden einheimische Lodge- und Bed-and Breakfast-Betreiber nur zu gerne auf die Preisbremse drücken, allein: Die Fifa macht das unmöglich. Denn wer ohne Frage von den überteuerten Tarifen profitiert, ist der Welt-Fußballweltverband - dessen kostspielige Auflagen lassen südafrikanischen Branchenvertretern kaum eine Alternative, wollen sie nicht während des WM-Zeitraums mit leeren Betten dastehen. Die Fifa also, allen voran Fifa-Präsident Joseph Blatter und dessen Neffe Phillipe Blatter: Dem gehören nicht unwesentliche Anteile der Firma mit dem passenden Namen ,,Match Service”, die seit geraumer Zeit für die WM-Phase Unterkünfte bzw. Pauschalpakete in Südafrika vermarktet. Aktionsradius: weltweit. Besonders pikant: ,,Match” genießt Monopolstatus, den ihr die Fifa großzügigerweise zuerkannt hat (na, na, na, wer wird denn da gleich von Vetternwirtschaft reden…). Match reservierte schon vor vielen Monaten etwa mehrere Zehntausend Räume im Kruger National Park für potentielle Fans. Zu Bedingungen, die für die Parkbetreiber alles andere als finanziell erfreulich waren. Nachdem jetzt allerdings offenbar wird, dass die erwartete Touristenschwemme wohl ausblieben wird, entschied sich Match kurzfristig, 25 000 dieser Plätze wieder fallen zu lassen – ohne Zahlung einer Kaution oder Rücktrittsgebühr an die Parkbetreiber. 50 Tage vor der WM stehen diese also vor der Aufgabe, 25 000 Räume unter die Leute zu bringen. Selbiges geschah mit mehr als Zweidritteln der rund zwei Millionen Räume, die Match landesweit bei hiesigen Tourismusunternehmern geordert hatte. Viele Hotels, Gasthäuser und Bed-and-Breakfast-Betreiber hatten sich auf die harschen Bedingungen von Match eingelassen, weil es ihnen die einzigen Möglichkeit erschien, überhaupt etwas vom Weltcup-Kuchen abzubekommen. Jetzt stehen sie da mit Unmengen von unverkauften Angeboten und minimalem Vorlauf, sie doch noch loszuwerden. Währenddessen gehen hiesige Reiseunternehmer in die Knie ob der völlig überzogenen Gebühren, die sie für Kunden aus dem Ausland an die Fifa abdrücken müssen: 30 000 Dollar für jedes Land, in dem sie ihre Pakete anbieten. Das führt zu der absurden Situation, dass eine Reisegruppe mit zehn Mitgliedern, von der jedes aus einem andern Land stammt, den Veranstalter über eine halbe Million Dollar kostet – Geld, dass er über den Preis an seine Kunden weitergeben muss, um am Ende die Fifa-Mafia zu befriedigen. Und natürlich können nur die großen Anbieter diese Extrakosten überhaupt schultern. Die kleinerer Unternehmen hingegen stehen im Regen. So viel zum Thema, die Fifa trage dazu bei, die Tourismusbranche in Afrika auszubauen. Und als wenn das noch nicht genug wäre: Match stellt massive Aufschläge in Rechnung, inklusive 35 Prozent auf World-Cup-Eintrittskarten. Für Unterkünfte, die Touristen über Match gebucht haben, zahlen diese zwischen 50 und 500 Prozent mehr als die üblichen Preise, die zur Hochsaison gelten, und als sie zahlen würden, wenn die direkt bei einem der hiesigen Anbieter gebucht hätten. Die Frage ist: Kommen diese Informationen bei den so geprellten Touristen an? Zurzeit sieht es nicht so aus. Vielmehr steht die südafrikanische Tourismusbranche am Pranger, die von den aggressiven und erpresserischen Methoden des Fußballverbandes ebenso ausgenommen wird wie der ahnungslose Fußballfan. Was schlimmstenfalls vom Großereignis WM übrigbleiben wird: Grummelnde Afrika-Reisende, die daheim über eine völlig überteuerte und sich selbst überschätzende Nation herziehen. So oder so: Die Realität sieht anders aus. Der südafrikanische Tourismusminister Marthinus van Schalkwyk hat jetzt ob der Situation eine Umfrage unter hiesigen Tourismusanbietern in Auftrag gegeben. Diese ergab, dass , obwohl einige Hotels und Gasthäuser einen moderaten Preisaufschlag auf ihre Räume einkalkuliert haben (wie immer zu Zeiten hoher Nachfrage), die meisten Angebote in für hiesige Verhältnisse völlig normalem Preisrahmen liegen. Wer also verkündet diese Botschaft den Besuchern aus aller Welt: Dass sie nicht von Südafrikanern ausgenommen werden, sondern von der Fifa und ihrem Kartell von Profiteuren? Wer sagt ihnen, dass gerade die kleinen und mittelständischen Tourismusunternehmen, die wesentlich für das Wachstum von Südafrikas Wirtschaft sind, dank der von Match praktizierten Gebührenpolitik so gut wie gar nicht von der WM profitieren? Wer erklärt fatalen Folgen der Ausfälle, die gerade diesen Anbietern entstehen, weil Match abertausende Reservierungen schlicht fallen lässt? Von den Versprechungen Sepp Blatters jedenfalls, mit dem Fifa-Ereignis würde auch der Wohlstand am Kap einkehren, ist nicht viel übriggeblieben. Stattdessen gebärden sich Fifas Funktionäre wie ehemalige Kolonialherren. Trotzdem: Kommen Sie nach Südafrika! Unterstützen Sie das Ereignis im Juni und Juli, das für die Menschen am Kap mit so viel Hoffnung verbunden ist! Aber boykottieren Sie die Fifa, kaufen Sie Bier von einheimischen Brauern, T-Shirts von einheimischen Textilherstellern und eben nicht das Marketing-Material, von dem nur ausländische Goal-Getter und die Kollaborateure des Fußballverbandes profitieren. Werfen Sie ihr Geld nicht denen in den Rachen, die hier seit Monaten mehr Schaden anrichten als zum Guten wenden. Dann wird die WM vielleicht doch noch ein Erfolg für Afrika. Wed, 21 Apr 2010 14:06:00 +0200http://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=33Weit weg zählt nichthttp://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=34Hand aufs Herz: Wann haben Sie den letzten Bericht über Afrika in der Zeitung gelesen? Oder sind über einen solchen im Fernsehen gestolpert? Sie können sich nicht erinnern? Das wundert mich nicht, denn es ist vermutlich seeehhr lange her. Gut, nun treffen sich ausgerechnet das medial populärste Ereignis der Welt – die Fußball-Weltmeisterschaft – und die medial unpopulärste Region der Welt – Afrika -, da verschiebt sich schonmal die Perspektive. Aber seien Sie versichert, sobald der Schlusspfiff des Finales geblasen, die letzten Interviews mit den Siegern im Kasten sind, ist die neue Liebe von Print, Funk und Fernsehen für den kulturell reichsten und materiell ärmsten aller Kontinente vergessen. Woran liegt das eigentlich, dass sich der Großteil der Medien im Normalfall so gut wie gar nicht für Berichterstattung aus Afrika interessiert? Ein Profi einer etablierten Nachrichtenredaktion würde darauf als erstes antworten ,,weit weg zählt nicht” – und dann die goldenen Regeln der Nachrichtengewichtung auflisten. Räumliche Nähe zum Leser (Afrika: 0 Punkte, sofern sich das Medium in Deutschland befindet), Katastrophenfaktor, wie viele Tote, Verletzte (Afrika: O Punkte, wenn sich nicht gerade ein Völkermord oder eine Hungersnot ereignet), Promifaktor (Afrika: O Punkte, oder kennen Sie eine afrikanische Lagy Gaga oder einen Prinz Charles?), Informationsfaktor (Afrika: O Punkte – wer in der Welt nicht interessiert, über den gibt es auch erstmal nichts an unaufschiebbaren Informationen)… Man könnte diese Liste fortsetzen, aber das ist gar nicht nötig, denn schon an dieser kleinen Zusammenstellung lässt sich ablesen, dass die Kriterien für Nachrichtenbewertung keinesfalls so wissenschaftlich objektiv und unumstößlich sind, wie es einen Redaktionsdinosaurier und Lobbyisten unseres Berufes gemeinhin klarmachen wollen. Nachrichtenbewertung hängt nämlich immer davon ab, welches Ziel ein Medium in erster Linie verfolgt. Möchte es Leser/Zuschauer gewinnen um jeden Preis (oft auch um den journalistischer Ethik), dann ist das oberste Kriterium für die Nachrichtenauswahl nackte Haut, dann sind wir bei der Bild-Zeitung und bei den Boulevard-Magazinen des Privatfernsehens. Möchte es Leser/Zuschauer gewinnen, dabei aber eine gewisse Seriösität/Nachrichtensicherheit gewährleisten, dann liegen die obersten Kriterien der Nachrichtenauswahl irgendwo zwischen Merkels Koalitionsaussage und Ede Kasupkes Maschendrahtzaun, dann sind wir bei einem Großteil der Regionalzeitungen, -magazine und –Nachrichtensendungen. Möchte es ,,aufklären” im Schiller’schen Sinne, einem erzieherischen Auftrag nachgehen, dann sollte es das heute zunächst mal nicht sagen, denn diese Haltung, egal ob sie von kritischen Frauenmagazinen, kapitalismusskeptischen Tageszeitungen oder antifaschistischen Internetblogs eingenommen wird, ist beim herrschenden Establishment zutiefst unpopulär. Gängelung der Rezipienten wird solchen Vertretern vorgeworfen. Unverbesserliche Idealisten mit Realitätsverlust werden sie genannt, oder gar: Gutmenschen. Dabei findet sich unter den Kriterien für die Nachrichtenauswahl gerade solcher Medien: Afrikaberichterstattung. Wo wir wieder beim Thema wären. Afrikaberichterstattung existiert also offensichtlich, sogar regelmäßig, allerdings nicht überall, und schon gar nicht überall in der gleichen Weise. Entscheidend ist, was SIE als Leser wollen. Denn solange Sie sich von einem Establishment von Journalisten diktieren lassen, was an Nachrichten auf der ersten Seite Ihrer Tageszeitung erscheint, was an politischen Hintergrundberichten, - analysen, -kommentaren aus welchem Teil der Welt veröffentlicht wird, solange wird Afrika in den Medien immer ein Schattendasein führen. Aber das müssen Sie ja nicht. Sie können ja eine andere Zeitung lesen. Oder ein anderes Programm anschauen. Oder im Internet das nachlesen, was Sie auf Papier oder in der Glotze nicht finden. Dann werden sich auch die Menschen, die die Medien gestalten, ganz schnell nach ihren Vorlieben richten. Es sei denn, Sie finden im Grunde auch, so ganz tief in Ihrem Innern, dass Sie Berichte von so weit weg eigentlich nicht sonderlich interessieren. Es sei denn, es ereignet sich ein Völkermord. Oder eben eine Fußball-WM. Sollte das tatsächlich der Fall sein, dann liegen die meisten meiner Kollegen mit ihrer Einschätzung offenbar richtig und mich können Sie getrost in die Schublade der Gutmenschen stecken. Fri, 30 Apr 2010 08:28:00 +0200http://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=34Drahteselfastenhttp://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=35Vorab, nur zur Sicherheit: Ungefährlich ist es nicht, sich in Südafrika als Liebhaberin des reinst mit körpereigener Energie betriebenen Gefährtes namens Fahrrad zu bekennen. Ich will Ihnen das mal anhand einer kleinen Anekdote beschreiben: Ich,unbelehrbare Idealistin hinsichtlich der grünen Revolution, doppelte Hollandrand-Besitzerin in Deutschland (eins für den Bahnhof, eins für Chic) und als ehemals Münsteraner Studentin sowieso überzeugt, dass es nichts Schöneres gibt, als sämtliche Lebenswege auf zwei nicht motorisierten Rädern zurückzulegen, habe versucht, mir in Kapstadt ein Fahhrad zu kaufen. Die erste Frage im Fahrradladen: Welches Rennrad hätten Sie denn gerne? Ich versuchte, dem Verkäufer klar zu machen, dass ich überhaupt kein Rennrad wolle, stattdessen ein bequemes City-Fahrrad. Beim Begriff ,,City-Fahrrad" runzelte mein Gegenüber die Stirn: ,,Wozu brauchen Sie das Rad denn?", fragte er. (Wenn Skepsis ein Gesicht hat: Hier kann man es treffen!) ,,Na, um kleine Einkäufe zu erledigen und mal ins Büro zu radeln", entgegnete ich ihm. Das Stirnrunzeln weitete sich aus zu einer wabernden Kraterlandschaft. ,,Das würde ich Ihnen nicht raten: Das ist hier sehr gefährlich." Ich nickte. Das Argument kenne ich ja schon. Gefährlich ist in Südafrika immer erstmal alles. Entweder, man wird dauernd beraubt, vergewaltigt, oder zumindest um die WM-Tickets betrogen. ,,Das lassen Sie mal meine Sorge sein", lachte ich dem Mann selbstbewusst ins seine Falten, ,,geben Sie mir einfach das günstigste City-Fahrrad, das Sie haben!" Also, der Herr hatte kein City-Fahrrad. Stattdessen aber eine Zeitung, in der ich folgende Schlagzeile las: ,,Radfahrer von rasendem Taxi zu Tode gefahren." Ich habe dann beschlossen, die Sache von einer anderen Seite anzugehen und machte mich auf die Suche nach Gesinnungsgenossen. Nun will ich nicht alle frustrierenden Diskussionen hier wiedergeben, nur ein paar der schlagendsten Argumente: ,,Hast du hier schonmal irgendjemanden durch die Stadt radeln sehen?" Nein. ,,Gibt es hier etwas, das im entfernstesten so aussieht, als sei es ein Fahrradweg?" Nein. Zwei Dinge haben sich dann in der Folge ereignet: Ich wurde Zeugin des ,,Cape Argus", eines der größten Radrennen Afrikas, bei dem Lance Armstrong und gefühlte zwei Millionen weitere Wahnsinnige mit ihren Rennrädern vor meinem Fenster vorbeirasten. Und ich beschloss, mehr zu Fuß zu gehen. Grüne Revolution auf zwei Rädern, das mache ich dann wieder, wenn ich Zuhause bin. Mon, 10 May 2010 09:25:00 +0200http://www.tinabucek.com/tinatime/index.php?art_id=35